Schwere Vorwürfe: Kapitän verließ das sinkende Schiff vorzeitig

Schwere Vorwürfe
Kapitän verließ das sinkende Schiff vorzeitig

Für Francesco Schettino wird die Katastrophennacht der „Costa Concordia“ wohl Konsequenzen haben: Nach ersten Erkenntnissen der Polizei war der Kapitän nicht mehr an Bord, als die überhastete Evakuierung beendet wurde.
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GiglioUnter äußerst riskanten Bedingungen suchen Rettungsteams nach überlebenden Schiffbrüchigen im Wrack des Luxusliners „Costa Concordia“ vor der italienischen Küste. Am zweiten Tag nach der Havarie gelang es, ein südkoreanisches Hochzeitspaar und ein italienisches Besatzungsmitglied aus dem 291-Meter-Wrack zu bergen, das im Küstengewässer abzugleiten drohte. Alle 566 Deutschen wurden gerettet.

Spezialeinheiten mit Tauchern versuchen, jede Kabine des Kreuzfahrtriesen zu überprüfen, mit dem am Freitag mehr als 3000 Touristen und mehr als eintausend Besatzungsmitglieder von Civitavecchia bei Rom zu einer einwöchigen Reise durch das westliche Mittelmeer aufgebrochen waren. Am Freitagabend um 21.30 Uhr lief die „Costa Concordia“ jedoch auf den vor Ort gut bekannten Felsen „Le Scole“ auf, der den Schiffsrumpf aufschlitzte und schon nach 45 Minuten die Evakuierung erforderlich machte.

Nach ersten Ermittlungen warf die italienische Staatsanwaltschaft Kapitän Francesco Schettino massives Fehlverhalten vor. Schettino habe das Schiff lange vor dem Abschluss der großen Evakuierungsaktion verlassen, sagte Staatsanwalt Francesco Verusio.

Außer Schettino wurde auch der erste Offizier Ciro Ambrosio vorerst festgenommen. Auch der Kurs des Luxusliners sei eindeutig „nicht richtig“ gewesen, sagte der Staatsanwalt. Der Kapitän habe sich selbst auf der Brücke befunden und sei daher voll verantwortlich für die Navigation.

Als sich der Luxusliner am Freitagabend wegen eindringender Wassermassen zur Seite neigte, brach unter den Passagieren Panik aus. An Bord waren Touristen von 60 verschiedenen Nationalitäten, auch zahlreiche Senioren und 52 Kinder unter sechs Jahren.

Zwei Touristen aus Frankreich und ein peruanisches Besatzungsmitglied kamen in der Panik ums Leben, mindestens einhundert Menschen sprangen ins eiskalte Wasser.

Die deutsche Costa-Vertretung teilte am Sonntag mit, dass alle 566 deutschen Reisenden von dem Schiff gerettet wurden. Sie seien entweder bereits nach Deutschland zurückgekehrt oder befänden sich auf der Rückreise, sagte Costa-Sprecher Werner Claasen.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte, zehn deutsche Verletzte seien nach dem Unglück vorübergehend in italienischen Krankenhäusern behandelt worden. Die deutschen Passagiere zählten überwiegend zur Altersgruppe der 45- bis 65-Jährigen.

Die Küstenwache befürchtete einen vollständigen Untergang der „Costa Concordia“. Das Wrack könne in tieferes Gewässer abrutschen und sinken, sagte ein Sprecher. Die Suche nach Überlebenden im Rumpf sei deshalb eine „riskante Operation“.

Helikopter, mehrere Schiffe und die Bevölkerung der Insel Giglio beteiligten sich an der Rettungsaktion. Die Geretteten wurden nach Porto Santo Stefano auf der Halbinsel Argentario gebracht. Eine Gefährdung der Umwelt durch die rund 2400 Tonnen Treibstoff der vollgetankten „Costa Concordia“ konnte nicht ausgeschlossen werden.

In der Werbung für die Luxus-Reise mit dem gigantischen Kreuzfahrtschiff wird unter anderem auf fünf Bord-Restaurants, 13 Bars, fünf Whirlpools und drei Swimmingpools verwiesen. Ein Drittel der 1500 Kabinen des 2006 fertiggestellten Schiffes verfügen über eigene Balkons. Costa Crociere ist der größte Kreuzfahrtbetreiber Europas und verbuchte 2010 einen Jahresumsatz von knapp drei Milliarden Euro.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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