Selbstbestimmungsrecht
Bis zum Rand mit Dynamit geladen

Ein politischer Begriff kann mehr Sprengkraft entwickeln, als seine Schöpfer beabsichtigen. Wenn Völker ihr Selbstbestimmungsrecht einfordern, wird’s gefährlich. Das beweisen die ängstlichen Reaktionen aus Spanien, Zypern und Griechenland auf die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos. Eine Tagung in München analysiert ein unlösbares Problem der Neuzeit.

MÜNCHEN. „Das ganze Wort ,Selbstbestimmung’ ist mit Dynamit bis zum Rande geladen. Es wird Hoffnungen erwecken, die sich nimmer erfüllen lassen. Ich fürchte, dass es tausende und abertausende von Leben kosten wird. (...) Welch ein Verhängnis, dass dies Wort je geprägt wurde! Welch Elend wird es über die Menschen bringen!“ Der amerikanische Außenminister Robert Lansing (1864-1928) schrieb dies 1919 in sein Tagebuch während der Verhandlungen der Sieger des Ersten Weltkriegs in den Pariser Vororten. Der Adressat seines Zorns war der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1856-1924). Das Selbstbestimmungsrecht der Völker war Teil seines „14-Punkte-Programms“ (siehe Kasten) zur Beendigung des Ersten Weltkriegs.

Wilson und die Friedensverträge von 1919 rückten immer wieder ins Zentrum der Vorträge und Debatten auf einer Tagung am vergangenen Wochenende im Historischen Kolleg in München („Selbstbestimmung und Selbstbestimmungsrecht: Errungenschaft der Moderne oder kollektive Illusion?“). Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde im Ersten Weltkrieg zum Kampfbegriff unzähliger Interessen im verheerten Europa und im kolonialisierten Rest der Welt, eine Büchse der Pandora, die seither nicht mehr geschlossen werden konnte. Wenn von Selbstbestimmung die Rede ist, werden die Regierungen aller Staaten mit starken Minderheiten zu Recht nervös. Das bewiesen in diesen Tagen die ängstlichen Reaktionen aus Spanien, Zypern und Griechenland auf die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos.

Georg Kohler, Professor für politische Philosophie in Zürich, trug das ideengeschichtliche Fundament des Selbstbestimmungsrechts zusammen. Man müsse von der Idee der Selbstbestimmung der einzelnen Person ausgehen, also der möglichst großen Chance, das zu tun, was man wolle, und das zu lassen, was man nicht wolle.

Doch wie verhält sich diese Freiheit mit der Gleichheit der Menschen, die in der Neuzeit als Axiom vorausgesetzt wird? Und wie verhält sich meine Freiheit zu der der anderen? Jean Jacques Rousseau (1712 - 1778) entwarf als Lösung die Theorie des Gesellschaftsvertrags („contrat social“), durch den aus dem Willen aller Individuen („volonté de tous“) der gemeinsame Wille eines Volkes wird („volonté générale“). In der Realität jedoch, so Kohler, sei Rousseaus große Frage, wie aus einer Menge von Individuen ein sich selbst bestimmendes Volk werde, „so schnell nicht zu lösen“.

Seite 1:

Bis zum Rand mit Dynamit geladen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%