Serbien
Staatstrauer nach Tod des Patriarchen

Tausende Menschen haben am Donnerstag bei einem Trauergottesdienst in Belgrad Abschied von ihrem Patriarchen Pavle genommen. Das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Gläubigen war am Sonntag im Alter von 95 Jahren gestorben. Pavle hinterlässt eine Kirche, die heute mächtiger dasteht denn je.
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HB BELGRAD. Vor und in der Belgrader Kathedrale versammelten sich die Trauernden, unter ihnen die gesamte serbische Kirchenführung. Die Gläubigen schritten an dem offenen Sarg in der Kathedrale vorbei. Viele von ihnen hatten bis zu zehn Stunden ausgeharrt, um dem Patriarchen die letzte Ehre zu erweisen. Am Nachmittag sollte der Leichnam in einem Kloster im Belgrader Vorort Rakovica beigesetzt werden. Die Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an, die Schulen sind geschlossen und viele Menschen haben - auf Empfehlung der Regierung - unbezahlten Urlaub genommen, um zu trauern.

Zum Ende der Amtszeit des serbisch-orthodoxen Patriarchen Pavle I. steht seine Kirche mächtiger denn je da. Während in Westeuropa Kirchen und Staat mehr und mehr getrennte Wege gehen und die Zahl der Gläubigen dramatisch schrumpft, wird die Orthodoxie in Serbien Hand in Hand mit dem Staat als Hüterin des nationalen Bewusstseins verehrt. Doch der steile Aufschwung der Religion unter dem Patronat „seiner Heiligkeit“ hat auch eine dunkle Kehrseite. Das greise Kirchenoberhaupt empfing vom UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagte Generäle, seine Geistlichen gaben den nationalistischen Kriegen mit Rat und Tat die scheinbare Rechtfertigung.

Bereits in den Anfängen der fast unumschränkten Herrschaft von Serbiens starkem Mann Slobodan Milosevic bewies der umstrittene Patriarch seine Loyalität. Zumal die Akademie der Wissenschaften in ihrem nationalistischen Masterplan schon Ende der 80er Jahre der Kirche gemeinsam mit dem Staat eine tragende Rolle zugeschrieben hatte. Bei den ersten großen Anti-Milosevic-Demonstrationen, die von dem Autokraten mit Panzern unterdrückt wurden, riet er den protestierenden Studenten im März 1991, lieber nach Hause zu gehen. Belohnt wurde die Unterstützung der Kirche von Milosevic mit der Genehmigung des Weiterbaus der Riesen-Kathedrale Hl. Sava im Belgrader Zentrum.

Pavle wurde am 11. September 1914 in Kucani in Ostslawonien im heutigen Kroatien geboren. Nach einer lebensgefährlichen Tuberkuloseerkrankung im Zweiten Weltkrieg wurde er 1946 Mönch. Seit 1957 bis zu seiner Wahl zum Patriarchen 1990 war er Bischof für die abtrünnige Provinz Kosovo. Diese emotionale Bindung an das Kosovo ließ ihn die „Rettung des serbischen Kernlandes“ vor den albanischen Feinden in den Mittelpunkt seiner Kirchenpolitik rücken. Das Kosovo- Problem war später einer der Hauptgründe für das Auseinanderbrechen des jugoslawischen Vielvölkerstaates.

Pavle wurde vorgeworfen, die nationalistischen Hardliner unter den Bischöfen nicht in die Schranken gewiesen zu haben. Mehr als zehn Jahre nach Kriegsende wurde ein Video bekannt, auf dem ein orthodoxer Priester serbische Paramilitärs vor ihrem Abmarsch segnet. Wenige Tage später ermordeten serbische Verbände im ostbosnischen Srebrenica bis zu 8000 Muslime - das größte Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Öffentlichkeit wartete vergeblich auf klärende Worte der Kirchenführung.

Auf Pavles Habenseite steht die Einführung von Religionsunterricht in den Schulen, die Gründung von drei Theologischen Hochschulen, die Einrichtung eines Religionsministeriums sowie der Neubau zahlreicher Kirchen im Land nach Jahrzehnten kommunistischer Verbote. Besonders unter der Regierung des nationalkonservativen Vojislav Kostunica kam es zum Schulterschluss zwischen Kirche und Politik. In allen Medien wird seitdem breit über kirchliche Feiertage sowie religiöse Bräuche und Riten berichtet. Die traditionellen Feiern zu Ehren der jeweiligen Familienheiligen („Slava“) sind pompöser und allgegenwärtiger denn je.

Im Oktober vergangenen Jahres hatte Pavle die Bischofskonferenz schriftlich gebeten, ihm zu erlauben, das Amt aus gesundheitlichen Gründen niederzulegen. Damals lag er bereits ein gutes Jahr schwer krank in einem Militärkrankenhaus. Allerdings lehnten die Bischöfe das Rücktrittsersuchen ab und vertagten damit die Lösung des in der Kirchenspitze seit längerem geführten Machtkampfes um die Nachfolge bis auf weiteres. So herrscht inzwischen seit rund zwei Jahren ein Machtvakuum, da wichtige Entscheidungen nicht getroffen, Beschlüsse nicht gefasst werden können. Dieser Zustand dürfte auch noch eine Weile andauern, da die Wahl eines Nachfolgers nicht vor dem kommenden Frühjahr erwartet wird.

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  • irgendwelche Morde der serbisch-orthodoxen Kirche zu zuschreiben ist wirklich absurd, im Gegensatz zur Verwicklung der katholischen Kirche in den Völkermorden im 2WK. Deshalb wird auch ein Papst nie Moskau/belgrad besuchen dürfen. (einzigen zwei Städte wo noch kein Papst war)

  • irgendwelche Morde der serbisch-orthodoxen Kirche zu zuschreiben ist wirklich absurd, im Gegensatz zur Verwicklung der katholischen Kirche in den Völkermorden im 2WK. Deshalb wird auch ein Papst nie Moskau/belgrad besuchen dürfen. (einzigen zwei Städte wo noch kein Papst war)

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