Serie: Gesichter Chinas
Der Traum vom kleinen Glück

Sie schuften für eine Handvoll Reis: Seinen 150 Millionen Wanderarbeitern verdankt China einen großen Teil des Wohlstands. Wei Chaoyun ist einer von ihnen.

PEKING. Ein Leben ohne Helm kann sich Wei Chaoyun einfach nicht mehr vorstellen. Seinen Kopfschutz aus Plastik hat er fast immer dabei. Wie ein Feuerwehrmann, der jederzeit im Einsatz ist. „Ich fühle mich ohne ihn irgendwie nackt“, sagt der 56-Jährige und streicht sich mit schwieligen Händen über das graue Stoppelhaar.

Rasch setzt er den Helm wieder auf und greift zur Schippe. Heute braucht Wei Chaoyun eigentlich keinen Helm, denn sein Trupp hat einen leichten Job. Vor dem blauen Metallzaun der Olympia-Baustelle verlegen die Männer Platten für einen Fußweg.

In den Monaten zuvor jedoch, da hat Wei Chaoyun am neuen Nationalstadion in Peking mitgebaut. In die Außenhülle der gigantischen Stahlkonstruktion verflochten er und seine Kollegen 42 000 Tonnen Stahl – sechsmal mehr als im Eiffelturm in Paris. Das „Vogelnest“ ragt hinter ihm in den Himmel. So monströs wie schön.

Seit Februar 2007 schuftet Wei Chaoyun für Olympia. Geschützt von seinem gelben Helm, hat er geholfen, ein neues Weltwunder zu erschaffen. Eine halbe Milliarde Dollar hat das neue Wahrzeichen für Chinas Hauptstadt gekostet. „Bald ist alles fertig“, sagt Wei. Sein Lächeln entblößt braungelbe Zähne. „War ein ganz schönes Stück Arbeit.“

In „Cindy's Cafe“, nur ein paar Steinwürfe vom Stadion entfernt, ist ein Tagwerk Wei Chaoyuns gerade einmal eine Tasse Kaffee wert.

Wei Chaoyun ist ein Wanderarbeiter. Aus der Provinz Henan 600 Kilometer südlich von Peking kam er her. Chinesen wie er haben kaum Rechte, werden entweder miserabel bezahlt oder überhaupt nicht. Ihre Arbeitskraft ist es, der China einen erheblichen Teil seines Wirtschaftsaufschwungs und neuen Wohlstands verdankt.

Und Olympia fände ohne Wanderarbeiter wohl kaum statt. Überall zwischen den Metallstreben des Nationalstadions leuchten gelbe Punkte. Einem Heer von Ameisen gleich wuseln die Arbeiter mit ihren Helmen über die Riesenbaustelle. Sie sägen, schleifen, hämmern und bohren. Jeden Tag und bei jedem Wetter turnen sie in schwindelerregenden Höhen auf der gewagten Konstruktion herum.

Seite 1:

Der Traum vom kleinen Glück

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%