Single-Forschung als Wissenschaft
Singles feiern Partys im Internet

Der Mathematiker und Psychologe Peter Todd veranstaltet virtuelle Singlepartys. Dabei interessiert ihn ganz besonders, wie Singles heutzutage einen Partner finden, welche Strategien sie einsetzen und wie die Erfolgsrezepte aussehen.

HB BERLIN. Single-Partys in der "richtigen Welt" sind ja nichts Besonderes mehr. Jetzt finden sie auch im Internet statt: Im stillen Villenbezirk Dahlem, im expressionistisch anmutenden Bau des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, sitzt Peter Todd in einem kleinen Studierzimmer. Am Computer veranstaltet der 40-jährige Mathematiker und Psychologe virtuelle Singlepartys. In seinem simulierten High-Tech-Heiratsmarkt sucht er Antworten auf eine spannende Frage der modernen Gesellschaft: Wie finden Singles einen Partner, welche Strategien gibt es, welche Erfolgsrezepte?

So lange dauert die Suche gar nicht

Die schönste Botschaft zuerst: „Singles müssen gar nicht so lange suchen, um einen passenden Partner zu finden“, sagt Peter Todd. „Ich war überrascht, wie schnell meine Computer-Kandidaten das geschafft haben.“ Gibt es einfache Such-Strategien auf dem Feld der Liebe? Es ist dann doch komplizierter, auch wenn sich Todds Ergebnisse aus der komplexen Verhaltens- und Entscheidungsforschung erst einmal anhören wie Küchenpsychologie: Weiß ein Single, was ihn ausmacht und was er will, findet er auch ein seelenverwandtes Pendant. Doch hinter dem simpel klingenden Ansatz steckt eine kniffelige Frage: Wer weiß schon, wer er ist - und wie hat er es herausgefunden? Und kann die Wissenschaft Belege für diesen Prozess finden?

Lernphase gehört bei der Partnersuche dazu

Für Todd sind seine Studien am Forschungsbereich Adaptives Verhalten und Kognition weit mehr als ein intelligentes Computer- Spiel. Stufenweise hat der Wissenschaftler seine virtuellen Kandidaten mit immer mehr Informationen und Auswahlkriterien gefüttert, um menschliches Handeln zu kopieren. Eine Abfuhr, wenn ein IT-Kandidat zu hoch oder zu tief gegriffen hat - all das gehört zur Simulation in seinem Computer-Club der einsamen Herzen dazu. Als ein Ergebnis fand der Forscher heraus, dass zur Partnersuche in jedem Fall eine Lernphase gehört, etwa mit der Fragestellung: Wen ziehe ich mit meiner Art an und wer findet mich anziehend?

Immer wieder gleicht Todd sein Computersingle-Treiben mit Statistiken aus dem wahren Leben ab, beispielsweise mit dem durchschnittlichen Heiratsalter. Stimmen die Werte annähernd überein, fühlt er sich auf einem guten Weg. „Ich will wissen, wie sich Menschen für einen festen Partner entscheiden und wann genau sie aufhören, nach links und rechts zu schauen“, erläutert der Forscher. Am Computer sieht das einfach aus: Ein programmierter Kandidat, der seinen eigenen Wert durch Tests herausfindet und ihn mit seiner IT- Umwelt in Einklang bringt, dockt bei einen passenden Partner an. Und im wahren Leben?

Die meisten Menschen sind sich selbst ein Rätsel

Christian Thiel, Single-Berater in der Single-Metropole Berlin, kann die Theorien aus seiner Praxis nur bestätigen. „Die meisten Menschen wissen nicht viel über ihre Bedürfnisse in Partnerschaften. Sie sind sich selbst ein Rätsel“, berichtet er. Die ganze Palette von der Singleparty übers Internet-Café bis zur Flirtschule bringe nichts, wenn die Suche nicht beim Ich beginne - bei der Typfrage. „Ein schüchterner Mann kann eine Frau meist gut in tiefgründige Gespräche verwickeln. Wenn er sie aber machomäßig an der Ampel anbaggert, wird er scheitern.“

Klienten, die einer verlorenen Liebe nachtrauern, sagt Thiel auch ganz offen: „Seien Sie froh, wenn Sie einen Korb kriegen“. Beim Nachdenken über eine Abfuhr erführen sie Wertvolles über sich selbst, über die eigene Wirkung oder Ansprüche an eine Partnerschaft. „Liebe ist Erfahrungswissenschaft“, betont er.

Kein Leitfaden für Singles geplant

Peter Todds wissenschaftliche Single-Forschung ist nicht dafür gedacht, einen Leitfaden für Singles zu schreiben. Sie bleibt Rüstzeug für weitere Verhaltensforschung. Er möchte aber jenen widersprechen, die hohe Scheidungsraten damit begründen, dass sich Singles bei der Partnersuche zu wenig Mühe gäben. „Die machen schon einen ganz guten Job“, sagt Todd - zumindest in seinem Computer.

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