„Smart Cities“ gegen Überbevölkerung
Indiens Utopie der perfekten Retortenstadt

Indiens Großstädte drohen unter der Last des Bevölkerungswachstums im Chaos zu versinken. Premier Modi will nun Milliardensummen in den Neubau intelligenter Städte stecken – und macht ein utopisches Versprechen.
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BangkokWenn es um seinen neuen Amtssitz geht, schreckt der Regierungschef des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh nicht vor großen Ansagen zurück: Die neue Hauptstadt Amaravati, die er derzeit auf einer 7 000 Quadratkilometer großen Grünfläche errichten lässt, werde sogar besser sein als Singapur, erklärte N. Chandrababu Naidu bei der Grundsteinlegung Anfang Juni. Dieses Vorhaben als ambitioniert zu bezeichnen ist wohl eine Untertreibung: Während Singapur bekannt ist für eine perfekte Infrastruktur und ein makelloses Stadtbild, gehören für die Bewohner indischer Großstädte regelmäßige Stromausfälle, endlose Staus, vermüllte Straßen und gelegentlich auch Kühe auf dem Gehweg zum Alltag.

Ganz unbegründet ist Naidus Hoffnung aber nicht, dass sich das in der geplanten Retortenstadt Amaravati ändern wird: Immerhin beauftragte er Singapurs Regierung damit, den Masterplan für die Metropole zu entwerfen, die in fünf Jahren fertiggestellt sein soll. Die Experten aus Singapur sind für weite Teile der Stadtentwicklung allein verantwortlich. Diese Woche reisten sie an, um die Wasserversorgung zu planen. Künftig sollen sie sogar die Beamten der Stadt ausbilden. Die Singapurer werden ihm eine Weltklassemetropole errichten, da ist sich Naidu sicher.

Er ist in Indien nicht der einzige Politiker, der gerade mit einer gewissen Euphorie auf ein Ende des indischen Großstadtchaos hofft. Allen voran geht Premierminister Narendra Modi, der am Donnerstag den offiziellen Startschuss für eines der ehrgeizigsten Projekte seiner bisherigen Amtszeit gab: 100 sogenannte Smart Citys will der Regierungschef auf dem Subkontinent etablieren und stellt dafür Finanzmittel von umgerechnet fast sieben Milliarden Euro verteilt über einen Fünfjahreszeitraum bereit. „Regierungen sollten die Urbanisierung als eine Chance für mehr Wachstum sehen“, sagte Modi bei seiner Präsentation vor 500 Bürgermeistern. Seine Initiative sei ein erster Schritt in diese Richtung.

Der Handlungsbedarf ist enorm: Nach Prognosen der Vereinten Nationen werden bis zum Jahr 2050 rund 400 Millionen Inder vom Land in die Städte ziehen. Jeden Monat wächst die Stadtbevölkerung damit im Schnitt um eine Million Menschen. Schon jetzt fehlt es in vielen indischen Metropolen an allen Enden, um die Menschenmassen zu versorgen: Der öffentliche Nahverkehr in Städten wie Mumbai ist zu Stoßzeiten heillos überfüllt, ganze Viertel sind vom Abwassersystem abgeschnitten, das Elektrizitätsnetz bricht immer häufiger unter der hohen Stromnachfrage zusammen.

Modi will nun jene Gegenden zu seinen Leuchtturmmetropolen formen, die mit den Herausforderungen bereits jetzt vergleichsweise gut zurechtkommen: Ein Wettbewerb unter den urbanen Zentren soll entscheiden, wer zur Smart City auserkoren wird. Kriterien sind beispielsweise Fortschritte bei der Sanitärversorgung oder die Einführung von E-Government-Systemen. „Die Entscheidung liegt nicht bei der Regierung, sondern bei den Kommunen selbst“, sagte Modi.

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