Spätsommer
Wenn alte Weiber auf gut Wetter machen

Auch wenn sich das Wetter in Nord- und Westdeutschland in den vergangenen Tagen schon deutlich wie Herbst anfühlte, der Sommer ist noch nicht ganz vorbei. Ein Hoch mit dem herrlich altmodischen Namen "Ottilia" soll noch einmal warmes und trockenes Wetter bringen, es könnte sogar ein schöner Altweibersommer könnte bevorstehen.

HB HAMBURG. Tauperlen glitzern unter einer kräftigen Morgensonne, Nebelfelder am Fluss lösen sich auf, weiße Wolkenschiffe ziehen über einen strahlendblauen Himmel, Spinnenfäden werden vom Winde verweht - Altweibersommer. Es ist eine der beständigsten und schönsten Wetterlagen, die Mitteleuropa meist zwischen Mitte September und Anfang Oktober erlebt. Wenn die Ferien-Sonnenbräune schon weitgehend verblasst ist und Herbststurm, Dauerregen und Nachtfrost drohen, lässt manchmal ein stabiles Hochdruckgebiet über Osteuropa trockene Kontinentalluft auch nach Deutschland strömen. Nach schon kühlen Nächten sind dann noch einmal Tagestemperaturen von 20 Grad und mehr keine Seltenheit.

Die späten sonnigen Tage - von Meteorologen ganz prosaisch als "Wärmerückfall" bezeichnet - werden im deutschen Sprachraum etwa seit dem Jahr 1800 Altweibersommer genannt. 1989 fühlte sich eine 77- Jährige von dem Begriff im Wetterbericht wegen ihres Geschlechts und ihres Alters gleich doppelt diskriminiert und bemühte die Justiz gegen den Deutschen Wetterdienst. Das Darmstädter Landgericht war jedoch anderer Meinung. Die Klägerin sei durch das Wort nicht "beleidigungsfähig": Mit dem Begriff liege keine Herabwürdigung einer bestimmten Gruppe vor. Das Gericht verkündete seine Entscheidung passenderweise zur Altweiberfastnacht am 2. Februar.

Nicht betagte Damen, sondern Kleinspinnen waren die Namensgeber dieser Schönwetterperiode. Wenn hoher Luftdruck weder Regen noch Sturm erwarten lässt, weben (altdeutsch: weiben) die Spinnen oft drei Meter lange Flugfäden und lassen sich zur Verbreitung ihrer Art daran durch die Luft treiben. Abertausende Fäden fliegen über das Land, bleiben hängen und überziehen Bäume oder Hecken mit einem im Sonnenlicht silbern schimmernden Geflecht.

Die alten Germanen sahen darin Teile von Lebensfäden der Nornen, den Schicksal bestimmenden Frauen ihrer Götter. Späterer Aberglaube machte die "Herbstfäden" zu Gespinsten von Elfen und Feen. In überwiegend katholischen Gegenden galten sie als Reste des Mantels von Mutter Maria. Seit ihrer Himmelfahrt (15. August) schweben diese "Muttergottesfäden" oder "Marienseiden" durch die Lüfte. Wer eine solche Hinterlassenschaft eines Krabbeltieres ins Gesicht bekommt, sollte sich freuen: nach altem Volksglauben bringt es Glück. Verfangen sich die Fäden in den Haaren junger Mädchen, kommt bald ihr Traummann um die Ecke.

Die Nordamerikaner kennen diese Schönwetterzeit als Indian Summer. Besonders in den Neuengland-Staaten der USA beginnt dann das Herbstlaub in strahlendem Gold und Rot zu leuchten - nach einer Indianerlegende das farbliche Symbol für das Blut erlegter Bären. Es ist die Zeit für Wandern in bunter Natur und ein letztes Barbecue im Freien, bevor der Frost die Natur fest in seinem Griff hält.

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