Spanisches Zugunglück
„Es war unvermeidbar“

Er bremst einfach nicht vor dem Tunnel. Der Zug entgleist bei Tempo 179 und 79 Menschen müssen sterben. Vieles deutet darauf hin, dass der Lokführer allein schuld ist. Er beteuert: „Ich kann es mir nicht erklären.“
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Francisco José Garzón, Lokführer des entgleisten Zuges in Galizien und wahrscheinlich verantwortlich für den Tod von bisher 79 Menschen: Eine Bürde, die dem dünnen 52-Jährigen mit der Sonnenbrille und dem kurzen grauweißen Haar schier die Luft zu nehmen scheint.

Ein Videomitschnitt, zu dem die spanische Zeitung ABC Zugang hatte, zeigt ihn bei der Vernehmung durch Richter und Staatsanwalt. Garzón sitzt auf einem Stuhl, neben ihm zwei Uniformierte, auf der anderen Seite die Anwälte. Er hat mehrere gebrochene Rippen und einen Pneumotorax, außerdem ein Hämatom über dem linken Auge.

Stockend berichtet Garzón, wie „alles ganz entspannt war, und dann erinnere ich noch dass ich dachte: Oh mein Gott, oh mein Gott, die Kurve, ich schaff sie nicht.“ Garzon ist ein erfahrener Lokführer, er hatte viele Jahre Güterzüge gefahren, dann eine Weile in Madrid S-Bahnen und fährt seit rund einem Jahr die Strecke in Galizien – „jede Woche mehrmals.“ Er wusste genau, dass er an einem bestimmten Punkt, an dem des Unfallortes, von den üblichen 200 Stundenkilometern auf 80 abbremsen musste.

Die Vernehmung ist erschreckend, denn sie zeigt, dass die Verantwortung für die Geschwindigkeit, für das Abbremsen oder Nicht-Abbremsen, in diesem Fall tatsächlich hundert Prozent vom Lokführer abhing. “Wie weit vorher man mit der Geschwindigkeit runtergeht, das hängt von jedem einzelnen ab, einige bremsen schon im ersten der zwei Tunnel vor der Kurve, weil der zweite Tunnel direkt in die Kurve mündet. Ich bremse normalerweise schon vier Kilometer früher, vor den Tunneln, so bremst der Zug weicher, du musst fast nicht mit der Druckluftbremse arbeiten und benutzt nur die elektrische Bremse.“

Warum er dieses eine Mal nicht gebremst hat, so wie all die Wochen und Monate vorher an der gleichen Stelle, warum er stattdessen mehr als doppelt so schnell fuhr, zumindest im letzten Moment genau wissend dass er die Kurve in diesem Tempo nicht schafft – diese Frage wird den Lokführer wohl ein Leben lang beschäftigen. „Ich kann es mir nicht erklären, ich verstehe noch immer nicht warum ich es nicht gesehen haben, ich weiß es nicht“, sagt Garzón und hebt beschwörend die Hände.

Später versucht auch der Staatsanwalt die letzten Sekunden vor dem Unfall mit Garzón durchzugehen: „Was haben Sie gedacht, als sie in den zweiten Tunnel fuhren?“

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„Die Bürde ist immens“

Kommentare zu " Spanisches Zugunglück: „Es war unvermeidbar“"

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  • Ist schon krank, dass man da ohne Sicherheitssystem arbeitet. Der Lokführer hätte genauso einen Gehirnschlag oder einen Herzanfall haben können statt dieses Black-Outs. Ich sehe das Problem an der ungenügenden technischen Infrastruktur, die so eine hohe Geschwindigkeit bei den Tunneln und der Einfahrt in die Kurve zugelassen hat! Weil, wenn es wirklich wichtig gewesen wäre mit der Sicherheit, müsste im Lokführerstand eine Vorschrift zum 4-Augen Prinzip bestanden haben! Hat es aber nicht...

  • Da brauch man eigentlich gar nicht mehr viel zu sagen.

    Der Lokführer hat einen Fehler gemacht, soweit so schlecht.

    Wieso gibt es da kein funktionierendes Sicherheitssystem, dass bei einer Geschwindigkeitsüberhöhung automatisch abbremst? Und das im Hochtechnologie-Zeitalter.

    Aber das ist ähnlich wie in Eschede: Da fliegt ein Radreifen auseinander und der Zug fährt noch 4 Kilometer volle Pulle auf eine Weiche zu!

    Arme Technikwelt!

  • Mit den technischen Möglichkeiten von heute kann man sicher eine laute Warnung ausgeben, wenn bekannte Bremspunkte zu schnell überfahren werden. Jeder Mensch und auch jeder Zugführer macht irgendwann mal einen Fehler. Dann kann und muss die Technik unterstützen. Und nicht erst bei 204 km/h, wie im Artikel erwähnt, sondern bei mehr als 80 km/h, welche für die Kurve zulässig sind. Die Schuld liegt daher nicht alleine beim Zugführer, das greift zu kurz. Auch die Bahngesellschaft sehe ich in der Verantwortung. Aus dem Unfall kann man lernen, dass ein besseres Sicherheitsmanagement notwendig ist.

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