Sperrstunde auf der Insel
Freiheit für Kampftrinker

Großbrtitannien hat die Sperrstunde abgeschafft, und nun ist die Insel neugierig, ob die Möglichkeit zum längeren Trinken die öffentliche Ordnung auf den Kopf stellt und die Bewohner in einen noch heftigeren Rausch versetzt, als das ohnehin schon der Fall ist.

LONDON. In England mag am Donnerstag das größte anthropologische Experiment der neueren Geschichte beginnen, doch die zierliche Deirdre hinter der Theke im „Churchfield“ im Westen der Hauptstadt bleibt gelassen. „Nicht bei uns“, schüttelt sie den Kopf. Dann beugt sie sich über die Theke und ruft, wie sie das seit Jahren tut, „Last orders“. Der Zeiger auf der Uhr steht eine Minute vor elf. Nichts rührt sich. Es sind nur noch fünf Leute im Pub.

Seit Donnerstag sind die fast 100 Jahre alten Schankzeiten Englands abgeschafft und damit der alte Brauch der strengen Closing Time. Nun wartet das Land, was passiert. Offenbar stellt nichts den Charakter der Briten so auf die Probe wie die Möglichkeit, in Pubs noch ein, zwei Stunden länger zu trinken. „Wir werden sehen, ob Australier, Schotten und Italiener tatsächlich von ihrer Biologie her zivilisierter sind als wir Engländer“, sagte Kulturministerin Tessa Jowell. Sie glaubt aus Berufsgründen an das Gute in den Engländern.

„Wir trinken, um besoffen zu werden“

Anders Tony Blairs Schwiegervater, Tony Booth. „Viele werden in ihrem Leben nicht mehr nüchtern“, prophezeite der Schauspieler, früher selbst ein harter Trinker. Er hält nichts vom Plan des Schwiegersohnes, die Modernisierung des Landes wenigstens in den Pubs voranzutreiben und eine „kontinentale Caféhaus-Kultur" einzuführen, wo mäßig, aber bis in die Morgenstunden am Rotwein genippt wird. „Wir trinken in diesem Land nicht so. Wir trinken auf eine primitivere, Furcht erregende, angelsächsische Art. Wir trinken, um besoffen zu werden.“

Deirdre im „Churchfield“ versteht „das ganze Geschrei“ nicht: „Bei uns gehen die Leute von selber nach Hause.“ Doch wie wird es in den Mega-Pubs in Städten wie Nottingham, wo die Bevölkerung an Wochenenden um bis 20 Prozent zunimmt, weil die Kampftrinker in die Stadt kommen? Wenn dort „Last orders“ gerufen wird, schüttete man sich noch ein, zwei Pints ein und warf sich in die Saufrandale. Urin, Schlägereien, betrunkene Mädchen, Gewalt, Sex auf offener Straße prägen dann das Stadtbild.

Gewinne und Steuereinnahmen übertreffen gesellschaftliche Kosten

Briten trinken 121 Prozent mehr als vor 50 Jahren. Ein Viertel der Teenager ist öfter als dreimal im Monat besoffen. Todesfälle durch Leberzirrhose haben in 30 Jahren allein bei Frauen um 924 Prozent zugenommen. Die gesellschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums werden in einem Bericht der Downing Street mit 21 Mrd. Pfund pro Jahr angegeben. Die Gewinne der Getränkeindustrie und Steuereinnahmen allerdings belaufen sich auf rund 30 Mrd. Pfund.

Labour glaubt, dass das Korsett der Closing Time den Alkoholkonsum angeheizt hat und die Saufrandale nach der Liberalisierung sittsamer verläuft. Doch sicher scheint sie sich nicht. Vorbeugend wurden neue, drakonische Geldstrafen für Betrunkene eingeführt.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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