Sprachenstreit
Schweizer sollen Hochdeutsch lernen

Von wegen: Die Schweiz ist deutsch-sprachig. Viele Schüler haben Schwierigkeiten einen Text in Schriftdeutsch zu verstehen, von den Schwierigkeiten nicht-deutscher Muttersprachler ganz zu schweigen. Inzwischen entspannt sich ein Streit zwischen den Fans und den Kritikern es Schwyzerdütsch.

HB GENF. Während in Deutschland die Rechtschreibreform über Jahre die Gemüter erhitzte, hat die Schweizer Bevölkerung das Thema relativ kalt gelassen. So fand der vorläufige Schlusspunkt, die am Donnerstag nun auch von der Schweiz beschlossene Übernahme der vom Rat für deutsche Rechtschreibung empfohlenen Korrekturen der Schreibreform, kaum ein Echo.

Ein viel größeres Problem ist für die mehrsprachige Schweiz das Schwyzerdeutsch, ein Dialekt, der längst nicht so leicht verständlich ist wie zum Beispiel die stark abgemilderte Version des Kabarettisten Emil Steigenberger. Die französisch-sprachigen und Italienisch sprechenden Eidgenossen haben in der Schule höchstens Hochdeutsch gelernt, die Konversation in der Deutschschweiz ist deshalb häufig sehr mühsam.

Kinder und Jugendliche in der deutschsprachigen Schweiz setzen sich mündlich und schriftlich zu wenig mit dem Hochdeutschen auseinander. Zu diesem Befund kamen im vergangenen Jahr die Erziehungsverantwortlichen des Schweizer Kantons St. Gallen in der Ostschweiz. Die rabiate Forderung lautete deshalb, es sollten mehr Lehrer aus Deutschland in die Schweiz geholt werden. An den Schulen des Kantons soll konsequent in Hochdeutsch unterrichtet werden. „Einen Text aus dem Schriftdeutsch zu begreifen fällt vielen Schülern deutlich schwerer als etwa Mathematik“, hieß es.

Doch die Schweizer Mundart, wie sie offiziell genannt wird, greift immer weiter um sich. So kommt der Wetterbericht zu den auf Hochdeutsch gesprochenen Nachrichten inzwischen in Mundart - da sprechen die Bilder die richtige Sprache, hat man sich wohl gedacht.

Im Schweizer Parlament wird - wenn es nicht eine der anderen drei Landessprachen Französisch, Italienisch und das Rätoromanisch ist - hochdeutsch gesprochen. Daran halten sich auch konservative Politiker. Die Zeitungen wenden ohnehin die deutsche Schriftsprache an, und die Medien haben auch empfohlen, den Reformen der Rechtschreibung bis auf einige Schweizer Besonderheiten zu folgen. Eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung will in der Schweiz ohnehin kaum jemand von Rang. Und den Kindern, so hört man hinter der vorgehaltenen Hand, ist es eh egal, welche Rechtschreibung sie lernen - sie sprechen ja doch Mundart - womit sich der Kreis wieder schließt.

Die Deutschschweizer suchten ihren Dialekt geradezu, heißt es. „Da spielt auch der Reflex einer Minderheit mit, die sich gegen das große Deutschland weiterhin glaubt abgrenzen zu müssen“, schrieb der „Tages-Anzeiger“ aus Zürich. Damit werden aber auch die Sprachgräben in der Schweiz tiefer. Der inner-schweizer Dialog wird behindert. Die überwiegend italienischsprachigen Tessiner oder die frankophonen Bürger in Genf und Lausanne sprechen von einer deutsch-schweizer Arroganz ihnen gegenüber. Natürlich ist die Schweiz weit entfernt davon, dass der Sprachenstreit etwa wie in Belgien zu einer faktische Spaltung des Landes führen wird. Dazu ist der eidgenössische Geist zu lebendig. Doch der Rückzug in die Mundart dürfte auf Dauer nicht gut gehen, wie Pisa-Untersuchungen bei deutschschweizer Schülern gezeigt haben.

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