Sprachforscherin Elisabeth Wehling „Politiker-Tweets funktionieren wie eine Meinungsumfrage“

Die Berkeley-Linguistin Elisabeth Wehling ist Expertin für politische Sprachbilder und deren Wirkung. Sie erkennt Parallelen in den Tweets von AfD und Donald Trump und mahnt, dieser „Verrohung“ etwas entgegenzusetzen.
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Die promovierte Linguistin und Kognitionsforscherin leitet seit 2013 an der Universität Berkeley in Kalifornien Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung.
Elisabeth Wehling

Die promovierte Linguistin und Kognitionsforscherin leitet seit 2013 an der Universität Berkeley in Kalifornien Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung.

Elisabeth Wehling ist promovierte Linguistin und Kognitionsforscherin und leitet seit 2013 an der Universität Berkeley in Kalifornien Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung. Unter anderem analysiert die 36-Jährige, wie Politiker durch Sprachbilder Debatten gezielt in bestimmte Richtungen lenken – darüber schrieb sie in ihrem Bestseller „Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“. Wenig verwunderlich, sind die Äußerungen des amerikanischen Präsidenten einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Doch sie hat trotz der räumlichen Distanz auch einen lebhaften Blick auf die Debatten und Debattenkultur der deutschen Politik. Gerade ist sie ohnehin in ihrer Heimatstadt Hamburg, weshalb das Interview ohne Rücksicht auf die Zeitverschiebung stattfinden konnte. Die Autorisierung klappte dann zwar doch nicht so schnell wie gedacht, aber aus gutem Grund: Sie habe eine Flüchtlingsfamilie getroffen und spontan beim Besuch des Einwohnermeldeamts geholfen, erklärt die Sprachexpertin.

Frau Wehling, Sie sagen: „Sprache ist Politik.“ Was sagt es über den Stand der Politik in Deutschland aus, wenn sich eine Fraktionsvorsitzende des Deutschen Bundestages öffentlich derart hetzerisch äußert, wie es gerade Alice Weidel getan hat?
Das ist jetzt dieser eine Tweet, über den sich aktuell alle aufregen. Dabei ist diese Nutzung ausländerfeindlichen Gedankenguts, um zu polarisieren und Wähler anzusprechen, ja von Beginn an Taktik dieser Partei. Immer wieder rücken sich die Politiker der AfD durch Äußerungen in so einer grenzüberschreitenden Tonalität verlässlich ins Scheinwerferlicht – und instrumentalisieren damit auch die Medien und Öffentlichkeit, die ja bereitwillig berichten. Vor und während des Bundestagswahlkampfes konnte man gar nicht zählen, wie viele Talkshows die AfD und damit auch ihre Sprache zum Thema hatten.

Sollten die Medien solche Äußerungen einfach ignorieren?
Ein Stück weit: ja. Natürlich ist der Bauchinstinkt da, sich zu empören, und so einen Tweet kann die Berichterstattung nicht ignorieren. Aber wenn man ganz nüchtern rangeht und sich fragt: „Wie wollen wir damit umgehen, dass die AfD jetzt vier Jahre im Bundestag sitzen und immer wieder durch solche Ausfälle das Scheinwerferlicht suchen wird?“, dann wäre es langfristig die bessere Strategie, das Scheinwerferlicht nicht auf jeden ausländerfeindlichen Tweet zu richten, sondern stärker auf ihre Programme und tatsächliche Politik.

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Warum funktioniert das überhaupt so gut?
Zum einen liebt das Gehirn Neues. Deshalb wird man auch so süchtig nach diesem Pling auf dem Handy – nach der neuen Nachricht, dem neuen Tweet. Das Gehirn freut sich, wenn im politischen Diskurs etwas Überraschendes passiert. Erst in einem zweiten Schritt sagt es: Inhaltlich finde ich das aber nicht so gut, und die Sprache ist mir zu gewalttätig.

Was sagt das jetzt über die Gesellschaft, dass die Sprache der Politiker derart verroht? Solche grenzwertigen Äußerungen nehmen ja zu, werden akzeptiert.
Dieser Verrohung muss man etwas entgegensetzen, sonst ist kein politischer Diskurs möglich. Es ist aber sinnvoller, diese Sprache und den Art des Umgangs im Rahmen einer anderen Debatte zu äußern, anstatt sich auf diesen einen Tweet zu fokussieren, dessen Inhalt dadurch viel zu viel Aufmerksamkeit erhält. Wer darüber liest oder das immer wieder im Radio hört, kann sich gar nicht dagegen wehren, dass da etwas hängen bleibt. Weder Sie noch ich sind dagegen gefeit, dass das, was wir gesagt bekommen oder selbst sagen, etwas mit uns macht – in dem Moment, wo wir es hören,  können wir es nicht mehr managen.

Was heißt das?
Auch wenn sie im Radio über diesen Tweet diskutieren und ich höre, es gebe doch keine grapschenden Migrantenmobs in Deutschland, habe ich sofort das Bild von grapschenden Migrantenmobs im Kopf – die Negierung kann mein Gehirn sich nicht vorstellen. Man kann nicht „nicht“ denken: Wenn ich Ihnen sagen, denken Sie jetzt nicht an Alexander Gaulands Hundekrawatte, dann denken Sie sofort an diese Hundekrawatte. So wird durch das ständige Wiederholen dieser Tweets in den Köpfen das Bild von grapschenden Migranten zementiert. Aber die Sache mit dem Tweet hat noch eine andere Komponente.

„Man kann nicht nicht denken: Wenn ich Ihnen sage, denken Sie jetzt nicht an Alexander Gaulands Hundekrawatte, dann denken Sie sofort an diese Hundekrawatte.“ Quelle: Reuters
Alexander Gauland

„Man kann nicht nicht denken: Wenn ich Ihnen sage, denken Sie jetzt nicht an Alexander Gaulands Hundekrawatte, dann denken Sie sofort an diese Hundekrawatte.“

(Foto: Reuters)

Die wäre?
Diese Tweets von Politikern funktionieren immer wie eine Mini-Meinungsumfrage. Das hat Donald Trump seit seinem Wahlkampf perfektioniert: Er setzt via Twitter eine grenzüberschreitende Meinung ab und beobachtet – wer das teilt, wem das gefällt, welche Argumente dagegen kommen. So kann er immer wieder testen: Wie ist die Stimmungslage, wie stark kann ich in diese Richtung gehen?

Einen Testballon abzusetzen gehörte aber schon immer zum politischen Instrumentarium.
Natürlich haben Politiker das schon zuvor in Talkshows oder Interviews testen können, aber das hat sich insbesondere durch Twitter radikal verändert. Die sozialen Medien sind ein Echtzeitzugang zum politischen Moment und zu der Frage: Wie komme ich damit an?

Inspiriert Trumps Twitter-Politik die Politiker international?
Zumindest gibt es Parallelen, gerade in der Tonart – diese Flegelhaftigkeit, das Gewalttätige, das Verrohte. Das ist auch gefährlich, weil es den politischen Diskurs unmöglich macht: Demokratie kann nicht funktionieren, wenn man nicht mit Respekt und Anstand miteinander umgeht. Wenn Sie mit Ihren Gegnern nicht in gutem Ton diskutieren können, dann werden Sie keine Kompromisse, keine Koalition und kein Wohlwollen finden. Da sticht in den USA Trump enorm heraus, der noch einmal ganz anderes in die Tasten haut als der Durchschnitts-Republikaner, und da sticht bei uns in Deutschland die AfD heraus.

Es gibt auch ideologische Überschneidungen.
Klar, bei Trump war es der Muslim-Bann oder grundsätzlich die sogenannte Muslim-Phobie, bei der AfD ist es das Pendant für Deutschland.

Mit Blick auf Trumps Tweets zur Größe seines Atomknopfs fällt noch eine andere Komponente auf: die Infantilisierung der Sprache. Da wirkte er doch wie ein bockiger Junge im Sandkasten, der mit dem Nachbarsjungen um die Größe des Baggers streitet.
Erst mal muss man sich klarmachen, warum Trump das macht: Solange sich die Amerikaner mit seinen Tweets zu Nordkorea beschäftigen, fragen sie nicht danach, was er gerade wirtschafts- und sozialpolitisch im eigenen Land umsetzt. Und inhaltlich ist dieser Tweet typisch Trump: Trump ist groß geworden, indem er große Dinge gebaut hat. Der Trump-Tower ragt nicht zufällig über alles hinaus, bei seiner Inauguration muss es die „biggest crowd ever“ sein,  und als es mal darum ging, dass er kleine Hände habe, hat er sofort dagegengehalten.

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