Sprachkritik „Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres

Das Wort „Lügenpresse“ wurde im Ersten Weltkrieg und von Nationalsozialisten genutzt, um unabhängige Medien pauschal zu diffamieren. Bei der Wahl zum Unwort des Jahres hängte es „Putin-Versteher“ und „Pegida“ ab.
Update: 13.01.2015 - 11:02 Uhr 28 Kommentare
„Lügenpresse“ – erst eines der Lieblingsworte von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, nun von der islamkritischen Pegida-Bewegung. Quelle: dpa

„Lügenpresse“ – erst eines der Lieblingsworte von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, nun von der islamkritischen Pegida-Bewegung.

(Foto: dpa)

Darmstadt „Lügenpresse“ ist das „Unwort des Jahres 2014“. Das teilte die „Unwort“-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Das Schlagwort „war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“, hieß es zur Begründung.

„Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ werden Medien pauschal diffamiert“, sagte Janisch. Er verhindere so fundierte Medienkritik und leiste damit auch einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden sei, erklärte die Jury mit Blick auf den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris.

Dass vielen der Pegida-Teilnehmer diese historische Bezüge vermutlich gar nicht bewusst seien, mache ihn zu einem besonders perfiden Mittel der Drahtzieher, die das Wort bei ihren Protesten dagegen ganz gezielt einsetzten. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hatte bereits am Dienstagmorgen eine Debatte hierzu angestoßen: Wenn ein Wort diese Ächtung verdiene, dann das der Lügenpresse, erklärte er.

Es sei der völkischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts entsprungen und später zu einem der Lieblingsworte von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels geworden. Gemeint war die demokratische, nicht-nationalsozialistische Presse. „Wenn heute die Pegida-Anhänger dieses Wort durch die Innenstädte skandieren, kann man nur hoffen, dass sie nicht wissen, was sie rufen.“

Die erste Reaktion auf Steingarts Ansicht auf Facebook: „Chefpropagandist Steingart hat gesprochen.“ Der Begriff „Lügenpresse“ findet im Sozialen Netzwerk Unterstützung, ein Nutzer schreibt etwa: „So lange ihr Medien erwiesenermaßen Lügen verbreitet, kann man euch Lügenpresse nennen. Denn ihr lügt, manipuliert und hetzt an vielerlei Stellen.“

Andere begründen den Begriff mit Vorwürfen gegen Presse mit der Berichterstattung zu Russland und Ukraine-Konflikt: „Hier wurde sehr wohl und offensichtlich gelogen. Von daher kann man das ruhig sagen.“

Rund 1250 Einsendungen waren eingegangen. Für die sprachkritische Jury aus vier Sprachwissenschaftlern verschiedener Universitäten und zwei Journalisten standen oft genannte Begriffe wie „Putin-Versteher“, „Pegida“ und auch „Social Freezing“ zur Diskussion. Das Gremium entscheidet aber unabhängig und richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge. Das „Unwort des Jahres 2013“ war „Sozialtourismus“, 2012 „Opfer-Abo“.

Am häufigsten vorgeschlagen wurde der Begriff „Putin-Versteher“. Damit sind Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Ukraine-Konflikt gemeint. Da die Bezeichnung einen Eigennamen enthält, galt sie aber nicht als besonders aussichtsreich.

An zweiter Stelle stand Pegida, die Abkürzung für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Am dritthäufigsten genannt wurde „Social Freezing“ – ein Begriff für das Einfrieren von Eizellen, womit Frauen ihren Kinderwunsch auf unbestimmte Zeit verschieben können.

Die „Unwort“-Aktion gibt es seit 1991. Neben der unabhängigen, sprachkritischen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das „Wort des Jahres“. Für 2014 wurde im Dezember die Bezeichnung „Lichtgrenze“ bekanntgegeben.

Der Name stand für ein Kunstwerk in Berlin anlässlich des Festakts im vergangenen November zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Knapp 7000 weiße Ballons stiegen in den Himmel. Sie hatten den Verlauf der deutschen Teilung als Lichtgrenze nachgezeichnet.

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28 Kommentare zu "Sprachkritik: „Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres"

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  • Lügenpresse ? Ehre wem Ehre gebührt ! Wenn dann noch Selbstbeweihräuscherungsfunktionäre daherkommen und belehrend das Wort " Lügenpresse " dem großen Führer AH zuordnen ? in MK ist es nicht zu finden . Volkesmund tut Wahrheit Kund , meistens jedenfalls.

  • Wie sich die Presse und Medien den Namen Lügenpresse verdienen, kann man am besten hier sehen, wo die Staatsoberhäupter angeblich an der Spitze des Trauerzuges gingen.
    Selten so gelacht :
    https://pbs.twimg.com/media/B7GnzaFIcAAh9ca.jpg:orig

  • Die entlarven sich doch selbst…

    http://cdn.cashkurs.com/uploads/tx_cashkurs/video/150113_TA_DM.mp4

    Ab Minute 8 wird's richtig lustig;–)

  • da haben Sie Recht, die sind so treist, das ich schonmal beinnahe die leere Weinflasche in meinen 60 Zoll Gerät geworfen hätte.
    Seid dem schalte ich bei monitor, Frontal24 und sonstige Schwarze Kanal Sendungen sofort um DMAX, in der Hoffnung dort echte Männersendung mit Truck durch Alaska zu schaun, das hat mehr Unterhaltungswert, wie jeder provinziale Talksendung mit Gutmenschen Gesülze.

  • Viel, wiel aussagekräftiger und für alle Wahrheitsliebenden wunderschön anzusehn sind die Auflagen- bzw. Verkaufszahlen derjenigen Medien, die die Deutungshoheit besonders vehement für sich beanspruchen. Die schaue ich mir immer dann an, wenn ich mich über übelste Propaganda besonders stark geärgert habe - und dann geht es mir gleich wesentlich besser.
    Die zwei schönsten Beispiele:
    - aus der "bürgerlichen" Ecke das Kampfblatt der "Transatlantik-Brücke e.V.":
    http://meedia.de/datacenter/analyzer/meedia-data/print-01827/
    - und vom "linken" Elbufer der SpEIgel:
    http://meedia.de/datacenter/analyzer/meedia-data/print-00122/

  • Wir können die Medien nicht zwingen die Wahrheit zu melden, wir können sie aber zwingen immer unglaubwürdiger zu lügen. Und an diesem Punkt sind wir dank Pegida jetzt schon angelangt. Immer weniger glauben noch, was die Medien melden. Ganz schlecht kommen dabei die Rentner-Sender ARD und ZDF mit ihren verbeamteten "Journalisten" weg.
    Viele Menschen lassen sich nicht länger irgendwelche pc und linksgrüne Meinungsmache als Nachrichten verkaufen.

  • Aus einem Beitrag einer chinesischen Online-Zeitung vor wenigen Monaten.
    Das zeigt eigentlich schon alles, was es zum Begriff Lügenpresse und öffentliche und veröffentlichte Meinung zu sagen gibt:

    Wer dieser Tage wissen will, was in Deutschland los ist, der liest gar nicht mehr die Artikel der Online-Medien, sondern gleich die Kommentare der Leser, die unter den Artikeln stehen – sofern diese noch da stehen, denn meistens werden sie gelöscht, oder die Kommentarfunktion abgeschaltet. Die deutschen Medien wissen nicht mehr, wie sie der täglich wachsenden Kritik seitens ihrer Leserschaft begegnen sollen – und beharren deshalb umso stärker auf ihren Ansichten.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

  • Soso, die "Unwort-Jury" hat zugeschlagen. Wer bestimmt denn, wer in dieser Jury sitzen darf?

  • fudierte medien kritik wurde abgebügelt von den verantworlichen....

    kommentar bereiche geschlossen.... wenn die USER die redaktipo mit fakten wiederlegten etc etc.... das ging so das ganze letze jahr während der Ukraine krise.....

    aber anstatt mal selbstkritik zu üben wird auf dne bürger eingedroschen.....

    desweitern sichte man mal die tittel seiten der großen magazine der letzen 10 jahre....

    WER hat Panik vor dem ISlam geschürt ??

    und nun ist der gemeine bürger das schuld....

    AHA.... wir kommen dem 3 reich imer näher und zwar nicht durch die pegida leute sondern von dennen die dagegen vorgehen.....

    auch werden zur mobilisierung der gegendemos alles ressourcen genutzt..... auch die die eigntlich neutral sein sollten da sie die institutionen darstellen ...bürgermeister zb musten erst vor gericht daran erinnert werden...

    und andern die grundrechte durch blockaden zu nehmen offenbahrt nicht gerade eine verfassungstreue grundeinstellung...

    aber wenn juckt schon das Gg..^^

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