Stephanie ist vor Gericht nicht sicher
Justiz hat Stephanies Peiniger nicht im Griff

Der geständige Angeklagte im Stephanie-Prozess macht im Dresdner Gefängnis, was er will. Am Mittwoch ist er auf das Dach der Justizvollzugsanstalt Dresden geklettert. Bereits am Vortag hatte er im Gerichtssaal für Aufruhr gesucht, weil er während der Verhandlung einfach aufstand und gehen wollte.

HB DRESDEN. Das Motiv sei unklar, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Der 36-Jährige hielt sich nach Augenzeugenberichten allein am Rand des Daches auf. Eine Flucht sei von diesem Teil des Gefängnisses aus nicht möglich, erklärte der Sprecher. Das Gebäude befinde sich 15 Meter entfernt von der Außenmauer. Dem Mann sei es gegen 08.00 Uhr gelungen, auf das Dach zu steigen. Wie er es schaffte, seinen Bewachern zu entkommen, wurde zunächst nicht bekannt. Beamte versuchten, Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Der arbeitslose Monteur steht derzeit wegen der Entführung und des sexuellen Missbrauchs der inzwischen 14-jährigen Stephanie aus Dresden vor Gericht. Zu Prozessbeginn hatte er am Montag ein umfassendes Geständnis abgelegt. Am ersten Verhandlungstag hatte der Beschuldigte für einen Tumult gesorgt. Er versuchte, den Gerichtssaal zu verlassen. Wachleute konnten ihn jedoch überwältigen und im ihm Handschellen anlegen. Mit seinem Verhalten wollte der 36-Jährige erreichen, dass die Anklageschrift unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlesen wird, was das Landgericht Dresden ablehnte. Der Mann hat die damals 13-Jährige nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft im Januar entführt, wochenlang in seiner Wohnung gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt.

Aus diesem Grund wird Stephanie an diesem Donnerstag nicht als Zeugin vor Gericht auftreten. Das kündigte die Nebenklage an. „Nach der neuerlichen unfassbaren Polizeipanne können wir nicht davon ausgehen, dass die Sicherheit von Stephanie bei der Zeugenaussage gewährleistet ist“, sagte Opferanwalt Thomas Kämmer, der für die Nebenklage arbeitet. Es sei unfassbar, dass es nicht gelungen sei, „den Angeklagten in der Justizvollzugsanstalt unter Kontrolle zu halten“.

Der arbeitslose Anlagenbauer hatte die damals 13-Jährige laut Anklage am 11. Januar auf dem Schulweg in sein Auto gezerrt und fünfeinhalb Wochen in seiner Wohnung als „Sexsklavin“ gehalten. Ihm drohen wegen Geiselnahme, Vergewaltigung, schweren sexuellen Kindesmissbrauchs, Körperverletzung und Erwerbs kinderpornografischer Schriften bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe und Sicherungsverwahrung. Stephanie selbst hatte die Ermittler auf die richtige Spur gebracht: Ein Passant fand am 15. Februar einen ihrer Hilferufe, die sie bei nächtlichen Spaziergängen mit dem Entführer heimlich hatte fallen lassen.

Eine Zeugenaussage Stephanies vor Gericht war bereits vor der heutigen Absage umstritten. Die Staatsanwaltschaft hielt diese bei sehr guter Beweislage für nicht notwendig und argumentiert mit dem Schutz des Opfers. Die Eltern der Gymnasiastin und der Vertreter der Nebenklage erachteten eine Aussage dagegen als wichtig für die Aufarbeitung des Geschehens durch Stephanie. In diesem Punkt sind auch Psychologen uneins. Für den Prozess sind insgesamt neun Verhandlungstage geplant.

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