Sterbehilfe
Die Todbringer kommen

Die Schweizer Sterbehilfe-Organisation Dignitas will dorthin gehen, wo viele ihrer Kunden herkommen: Nach Deutschland. In der Bundesrepublik will Dignitas ein Exempel statuieren. Doch mittlerweile ist ist die Organisation selbst in ihrer Heimat nicht mehr gut gelitten.

ZÜRICH. Hier ist Heimat. Die Glärnischstraße im Örtchen Stäfa unweit von Zürich nah am See gelegen verströmt Geborgenheit. Solide, weiß verputzte Häuser sind tief in gepflegte Gärten hineingebaut. Doch die Ruhe trügt: Hier ist der Tod eingezogen. Genauer: die gewerbliche Sterbehilfe, die in der Schweiz erlaubt ist. Auch in Deutschlands Villenvierteln kann es bald einen Ort wie Stäfa geben.

Die Sterbehilfe-Organisation Dignitas, der die Geschäftsräume in Zürich gekündigt worden sind, hat kurzfristig in Stäfa ihren Betrieb aufgenommen, wie sich nüchtern beschreiben ließe. Die Anwohner reagieren alles andere als nüchtern auf jene Kunden von Dignitas, die im Rollstuhl kommen und den Ort im Sarg verlassen. Der Tod, wie er in Stäfa praktiziert wird, hat dort keinen Platz. „Gemeinde schiebt Dignitas den Riegel vor“ lauten noch die sachlichsten Schlagzeilen zum Kampf zwischen Bürgern und Sterbehelfern. Was Stäfa erlebt, könnte bald am ehesten in Hannover Schule machen. Denn dort hat Dignitas bereits einen Außenposten. Und Ludwig Minelli, Chef der Sterbehilfe-Organisation, kündigt an, auch in Deutschland seine Dienste anzubieten. „Bis Ende des kommenden Jahres“, sagt er, „sollten wir so weit sein.“

Minelli handelt mit der Konsequenz eines Kaufmanns, der dort eine Filiale gründet, wo er die meisten Kunden vermutet. 196 Menschen hat Dignitas im vergangenen Jahr in den Tod begleitet, 120 davon stammten aus Deutschland. Unter den prominentesten Sterbewilligen ist derzeit mit Noel Martin jener Schwarze, der vor mehr als elf Jahren in einem Berliner Vorort von Neonazis so zugerichtet wurde, dass er sein Leben nun nicht mehr lebenswert findet. Er stand mit Dignitas in Kontakt.

Würde Dignitas, so rechnet sich Minelli aus, ihre Dienste auch in Deutschland oder England anbieten, hätten sich Probleme wie der Streit in Stäfa erledigt. Die Sterbehelfer könnten dann ihre Patienten zu Hause aufsuchen. Der Tod ginge geräuschloser über die Bühne. Die Nachfrage nach den Diensten der Sterbehelfer steigt rasant. Minelli spricht von „erheblichen Wachstumsraten“. Allein 2006 hat die Zahl der Fälle um rund 50 Prozent zugenommen.

Gegen den „Sterbetourismus“ regt sich in der Schweiz allerdings immer wieder politischer Widerstand. Der Züricher Kantonsrat hat am Montag, aufgeschreckt durch die Vorfälle in Stäfa, nur mit zwei Stimmen Mehrheit dem Sterbetourismus noch einmal seinen Segen gegeben. Organisationen wie Dignitas unterliegen aber künftig einer Bewilligungspflicht. Auf Bundesebene schützt in der Schweiz ein Gesetz das Recht eines Menschen, über Zeitpunkt und Art seines Todes selbst zu bestimmen. Dignitas lebt nicht schlecht mit dieser Regelung.

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