Stilwechsel
Industriepolitik ade

Angela Merkel hatte zu Reh und Rotwein geladen. 90 Spitzenmanager aus dem In- und Ausland folgten Mitte November ihrem Ruf ins Kanzleramt. Mit den legendären Runden ihres Vorgängers Gerhard Schröder hatte das Treffen allerdings nichts gemein. Im Umgang mit Regierung und Öffentlichkeit müssen sich Manager an einen neuen Stil gewöhnen.

DÜSSELDORF. Während Gerhard Schröder gern mit einer Hand voll Spitzenmanager bei einem guten Tropfen industriepolitische Pflöcke einzuschlagen pflegte, herrschte bei Angela Merkel Arbeitsatmosphäre. Trotzdem war es eine "entspannte Veranstaltung", sagen Teilnehmer. Aber eben keine kumpelige "Jetzt trinken wir mal ein Glas Rotwein"- Runde.

Dieser Stilwechsel charakterisiert auch den neuen Umgang zwischen Politik und Wirtschaft. Merkel ist nicht auf Kumpel-Kurs, schon gar nicht auf einer Linie mit den Managern. Im Gegenteil: Einige Branchen fühlen sich gar vor den Kopf gestoßen. Die Energiewirtschaft beispielsweise.

Vom "Fadenriss" zwischen Politik und Wirtschaft ist die Rede. Dabei stürzen sich die Energiemanager nicht so sehr auf Merkel. Ihre Idee eines "nationalen Energieprogramms" findet eher Anerkennung. Im Tagesgeschäft sind für die Energiekonzerne vielmehr der Wirtschafts- und der Umweltminister wichtig. Und da wird besonders über Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) geklagt. Der, so heißt es in den Reihen der führenden Konzerne EnBW, Eon, RWE und Vattenfall, rücke mit seiner Anti-Trust-Politik völlig von der bisherigen Regierungslinie ab. Doch die Regierungschefin pfeift ihren Minister nicht zurück; er darf weiter wie sein Ministerkollege Sigmar Gabriel (SPD) aus dem Umweltressort gegen die Industrie wettern.

Das bleibt nicht ohne Wirkung. Einschlägige Kritiker fühlen sich von der Politik ermuntert, die öffentliche Hatz auf die "Preistreiber" und "Abzocker" aus der Strom- und Gaswirtschaft zu verschärfen.

Industriepolitik versucht die Regierung dagegen beim Thema EADS zu demonstrieren - traut sich aber nur, halbe Sachen zu machen. Daimler-Chrysler will Anteile an dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern abgeben. Damit das labile Gleichgewicht mit den Franzosen aber nicht gestört wird, müsste die Kontrolle im Lande bleiben. Also sollen deutsche Banken als Statthalter einspringen. Doch die Verhandlungen mit den erstaunlich willigen Bankern erwiesen sich als ausgesprochen zäh. Dabei könnte der Bund mühelos die Aktien bei der staatlichen KfW parken - wenn die Regierung es wirklich wollte.

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