Strahlungsmessung
Radioaktiver Wind weht Richtung Tokio

Aus dem havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima läuft verseuchtes Wasser in den Pazifik. Und ein Ende das Dramas ist nicht abzusehen. Jetzt wurde die Strahlung sogar in der Luft gemessen.
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TokioDrehender Wind wird in den nächsten Tagen radioaktive Partikel aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima nach Tokio wehen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) rechnet damit, dass Partikel bis Mittwoch die Millionenmetropole erreichen. Bislang trug der Wind die strahlenbelasteten Teilchen auf den Pazifik hinaus. Zunehmender Nordwestwind treibe sie aber jetzt vom Meer aus Richtung Tokio, sagte ein DWD-Sprecher. Die Experten gehen aber davon aus, dass kein radioaktiver Niederschlag fällt.

Erstmals seit Beginn der Atomkatastrophe hatten die Regierung und der Energiekonzern Tepco auch Radioaktivität in der Luft innerhalb der 20-Kilometer-Zone um das Kraftwerk Fukushima Eins gemessen. Dabei wurden nach ersten Informationen Werte von bis zu 50 Mikrosievert pro Stunde ermittelt, wie der japanische Fernsehsender NHK berichtete. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die natürliche Hintergrundstrahlung etwa aufgrund radioaktiver Elemente im Boden bei rund 2,4 Millisievert oder 2400 Mikrosievert im Jahr.

Bislang hatten die Regierung und der AKW-Betreiber außerhalb der Sperrzone radioaktive Strahlung gemessen. Innerhalb des Gebiets habe es keine detaillierte Analyse gegeben - mit den Hinweisen, dass die meisten Menschen die Region bereits verlassen hätten und das Strahlenrisiko für die Tester zu groß sei.

Die japanische Regierung hofft auf weitere Details zu den Messdaten von rund 30 Orten und kündigte an, die Ergebnisse auch US-Atomexperten zur Verfügung zu stellen. Diese hatten NHK zufolge mehr Forschung angemahnt und angeboten, Maßnahmen gegen die Ausbreitung radioaktiver Elemente zu entwickeln.

Derweil ist auch zu Beginn der vierten Woche kein Ende im Kampf gegen den atomaren Super-GAU in Sicht. Stattdessen lieferte Reaktor zwei in Fukushima am Wochenende neue Hiobs-Botschaften: Es wurde ein Riss im Betonboden des Meilers entdeckt, aus dem radioakativ verseuchtes Wasser in den Pazifik strömt. Bis Sonntag gelang es der Betreiberfirma Tepco nicht, das Leck abzudichten. Auf dem Gelände des Kraftwerks wurden die Leichen zweier seit dem Tsunami vom 11. März vermisster Arbeiter gefunden.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle würdigte bei einem Solidaritätsbesuch in Tokio die Bemühungen der Regierung, im Chaos der Katastrophe transparent zu handeln.

Die japanische Regierung drängte Tepco zu einem raschen Verschluss des Lecks. Die Bevölkerung habe größtes Interesse daran, dass kein radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer ströme, sagte ein Berater von Ministerpräsident Naoto Kan. Tepco scheiterte zunächst mit dem Versuch, den Riss mit Beton zu schließen und setzte dann auf den Kunststoff Polymer. Im Reaktorinneren wurde eine radioaktive Belastung von 1000 Millisievert pro Stunde gemessen. Normal sind ein bis zehn Millisievert pro Jahr. Das Leck könnte die Ursache sein für die hohen Strahlenwerte, die seit längerem im Meerwasser gemessen werden. Mehrere hundert Japaner protestierten am Sonntag vor der Tepco-Zentrale in Tokio gegen Atomkraft.

Der Abfluss des radioaktiv verstrahlten Wassers verhindert eine weitere Kühlung der überhitzten Kernbrennstäbe im Atomkraftwerk mit Meerwasser. Als Alternative dazu prüfen Ingenieure nun unter anderem die Möglichkeit, mit einer verbesserten Luftkühlung zu arbeiten. „Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen, weil die Lage in Atomkraftwerk unberechenbar ist“, sagte Regierungssprecher Yukio Edano.

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  • Klar kann man das das steigern.

    Die Spannbreite der Schätzung der Anzahl der Todesopfer reicht von 46 bis eine Million. Eine präzise Schätzung ist nicht möglich, weil (leider, leider!, wie uns die Behörden versichern) viele Daten nicht erhoben wurden und andere verschwunden sind.

    46 ist die allerdings die Schätzung der Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, die nach der "Betriebsunterbrechung" in Tschernobyl tagelang von einem atomaren Unfall nichts wissen wollte. Welche der Schätzungen man für plausibel hält, muss natürlich jeder selbst entscheiden.

  • Nun ja. Weiter oben ist ein Link des Bundesamts für Strahlenschutz angegeben. Dort werden die Begriffe Auslegungsstörfall, GAU und Super-GAU in einer Form erklärt, die für einen durchschnittlich intelligenten Zehnjährigen verständlich sein sollte.

    Wenn sich dennoch, nach immer 24 Stunden Bedenkzeit, Menschen melden, die offensichtlich weiterhin Verständnisprobleme habe, finde ich das beunruhigend. Natürlich habe ich von den PISA-Studien gehört, die deutschen Schülern gewisse Defizite im Bereich Textverständnis attestieren. Dass es so schlimm ist, hatte ich allerdings nicht erwartet.

    Nur gut, dass es auch Lebensbereiche gibt, in denen intellektuelle Brillianz nicht gerade zu den Einstellungsvoraussetzungen gehört. Boxen zum Beispiel. Oder Fußballspielen.

  • Leider hat es nur Island bemerkt. Ein Gau ist ein:
    Größtmöglicher anzunehmender Unfall.
    Dieser Begriff ist in unserer deutschen Sprache wohlweislich von der Atomlobby so gewählt worden und ist nicht steigerungsfähig, weil er den maximum Unfall beschreibt.
    Da steht: Ein Gau muss von der Anlage vollständig beherrscht werden.

    SO,
    und jetzt müßte es eigentlich jedem klingeln, daß wir von der Atomlobby kräftig verarscht worden sind.
    Egal wie kreativ man mit der Beschreibung einer Verstrahlung umgeht.
    Egal ob man es Super, Hyper oder Extrem nennt.Die Tatsachen sehen schon seit Tschernobyl leider ganz anders aus.
    Wohl und Wehe von ganzen Landstrichen und Ballungszentren in Japan für einige Hundert Jahre hängt von der Windrichtung ab. Dabei geht es nicht nur um Tokyo, sondern Kawasaki, Hitachi,und und und!

    Schönen Tag noch?

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