Strategien gegen die Angst
Was der Gedanke an den Tod verändert

Wer an sein irdisches Ende denkt, entwickelt unbewusst Strategien gegen die Furcht. Das eigene Leben und Sterben soll schließlich nicht sinnlos sein. Dabei kann der Gedanke an den Tod das Leben eines Menschen verändern.

DÜSSELDORF. Der Gedanke an die eigene Sterblichkeit beeinflusst uns tiefgreifend – und unbewusst. Das Wissenschaftsmagazin „Gehirn & Geist“ berichtet über die psychologischen Experimente von Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski von der Universität von Arizona. Sie zeigen: Wird ein Mensch mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert, entwickelt er Strategien gegen die Angst, damit das Leben und Sterben nicht sinnlos sei.

Greenberg und Kollegen wiesen nach, dass das Denken an den Tod uns verändern kann. „Was passiert mit Ihnen, wenn Sie tot sind?“ Personen, denen zuvor diese Frage gestellt worden war, beurteilten abstrakte Gemälde deutlich negativer als jene ohne den morbiden Hinweis. Das erhöhte Bedürfnis nach Sinn wird von gegenständlichen Werken besser erfüllt. „Todesgewisse“ Probanden zeigten sich auch deutlich patriotischer als solche, die nicht ans Sterben gedacht hatten. Es tröstet offenbar, sich als Teil eines Ganzen zu wissen und einer das eigene Leben überdauernden Kultur und Nation anzugehören.

Die Psychologen bearbeiten ein Thema, das in der Philosophie der Gegenwart nur eine geringe Rolle spielt. Metaphysik ist nicht en vogue. Fragen nach Leben und Tod – ob Abtreibung oder Sterbehilfe betreffend – glauben wir heute von Juristen entscheiden lassen zu können. Und die nach dem Sinn der Existenz, nach letzten Ursachen und Prinzipien glauben naturalistische Biophilosophen als Hokuspokus abtun zu können. Die Esoterik und der islamische Fundamentalismus springen in eine Lücke, die die akademische Philosophie weitgehend unbesetzt lässt.

„Der Tod wird nie erledigt sein“, merkt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in einem Interview in „Gehirn & Geist“ an. Er kritisiert das Verdrängen des persönlichen Todes in der Gegenwartsphilosophie und der Gesellschaft: „Wer reflektiert, dass das eigene Leben ein Ende hat, kann mit der natürlichen Todesangst besser umgehen.“ Ernst Tugendhat, einer der wenigen Gegenwartsphilosophen, die sich mit dem Tod befassen, ist ähnlicher Ansicht: Der Gedanke an den Tod sollte Anlass sein, sich selbst aus dem Zentrum der Welt zu nehmen und dadurch die metaphysische Angst zu überwinden.

Die Befragungen der amerikanischen Psychologen hätten in anderen Epochen vermutlich nicht so deutliche Unterschiede zwischen Todesvergessenen und -bewussten ergeben. Dass die Menschen der Aussicht auf die eigene Endlichkeit im Alltag meist ausweichen, ist ein Phänomen der Moderne. Dass der Tod unseren Vorfahren präsenter war als uns, zeigt der Soziologe Allan Kellehear in seinem einzigartigen neuen Buch „A Social History of Dying“. In unserem Zeitalter dürften wir, so Kellehear, kaum auf einen „guten Tod“ hoffen, der für unsere Vorfahren bedeutete, das Ende bewusst und vorausschauend zu erleben. Uns erwarte wahrscheinlich ein „beschämender Tod“: „Die meisten von uns werden enden mit einer Mischung von Krankheiten, die uns keine eindeutige Todesbett-Szene für uns und unsere Angehörigen gewähren werden.“

Ein philosophisches Leben erscheint angesichts dieser Aussicht als das einzig tröstliche. Denn, wie Platon im „Phaidon“ Sokrates zitiert: „Philosophieren heißt sterben lernen.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%