Studie des BStU Blutspenden von DDR-Häftlingen erzwungen

Häftlinge in der DDR wurden nicht nur zur Arbeit gezwungen – sie mussten auch gegen ihren Willen Blut spenden, wie eine Studie zeigt. Besonders brisant: Das Blutplasma ging an einen renommierten Spendedienst in Bayern.
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Blutspenden in der DDR gingen offenbar nicht immer freiwillig vonstatten. Häftlinge etwa sollen laut einer Studie zur Abgabe ihres Bluts gezwungen worden sein. Quelle: dpa

Blutspenden in der DDR gingen offenbar nicht immer freiwillig vonstatten. Häftlinge etwa sollen laut einer Studie zur Abgabe ihres Bluts gezwungen worden sein.

(Foto: dpa)

DüsseldorfHäftlinge sind in der DDR offenbar nicht nur zur Arbeit gezwungen worden. Wie eine Studie im Auftrag der Behörde für Stasi-Unterlagen nun belegt, mussten Gefangene in den 1980er Jahren auch Blut spenden. Brisant an der Geschichte: Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) soll ein Abnehmer des aus dem Blut gewonnenen Plasmas gewesen sein.

Die Untersuchung „Knastware für den Klassenfeind“ zeigt das Ausmaß, in welchem die DDR Häftlinge für ihre Zwecke genutzt hat – sowohl als Arbeiter als auch als Blutspender. In Gräfentonna bei Erfurt und in Waldheim bei Leipzig sollen Gefangene zur Abgabe ihres Blutes gezwungen worden sein. Daraus gewann man das wertvolle Blutplasma. Dieses wurde nach Informationen der Studienautoren in den 1980er Jahren über eine Zwischenstation in der Schweiz direkt an das Rote Kreuz in Bayern geliefert. Insgesamt soll das BRK 1985 rund 35.000 Einheiten an Blutplasma aus dem Osten erhalten haben.

Nicht nur die Häftlinge sollen zu den Blutspenden genötigt worden sein. Auch die Krankenhelfer sollen unter Zwang gehandelt haben. In der Studie heißt es, die eingesetzten Krankenpfleger hätten sich geweigert, den Häftlingen das Blut abzunehmen – jedoch erfolglos. Die Konserven gelangten dann über Umwege in die Bundesrepublik.

Das BRK bestreitet nicht, dass es einen entsprechenden Handel mit Blut gegeben hat. Allerdings sind die Vorwürfe, auch Häftlingsblut sei an den Landesverband geliefert worden, neu. Auf seiner Internetseite nimmt das BRK Stellung zu den Vorwürfen. Lieferungen habe es gegeben, doch der Blutspendedienst habe diese schnell wieder gestoppt, heißt es in der Mitteilung von Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. Weiter schreibt er: „Offenbar waren den damaligen Verantwortlichen selbst Zweifel gekommen.“

Nach Angaben des Landesverbands gibt es keine Unterlagen zu den aktuellen Vorwürfen. Zudem sei nur noch ein Verantwortlicher aus dieser Zeit aktuell beim BRK beschäftigt. Inwiefern ein Wissen über den unmoralischen Bluthandel vorhanden war, sei heute nicht mehr zu sagen: „Wir können jedoch heute nicht mehr ermitteln, ob die damals Verantwortlichen davon gewusst haben, dass die Blutbeutel womöglich von politischen Häftlingen gekommen sind oder sonst irgendwie unfreiwillig entnommen wurden.“ Das BRK bedauert die Vorfälle und schreibt, heutzutage würde niemand „auch nur im Traum“ daran denken, „so etwas zu tun oder so etwas zu billigen“. Dennoch sei es geschehen und man könne es nicht rückgängig machen, schreibt Stärk weiter.

Auch Aldi und VW im Fokus

Das BRK ist nicht der einzige bekannte deutsche Name, der sich mit den Schatten aus der DDR-Vergangenheit auseinander setzen muss. Bereits seit 2012 ist bekannt, dass Ikea bei Unternehmen in der DDR produzieren ließ, die Zwangsarbeiter einstellten. Die Studie hat nun herausgefunden, dass auch große deutsche Konzerne wie Aldi und Quelle Produkte aus dem Osten bezogen haben sollen – und zwar von Firmen, die ebenfalls Gefangene als Arbeitskräfte einsetzten.

Aldi hat etwa mit dem VEB Strumpfkombinat Esda Thalheim zusammengearbeitet, wie der Discounter auf Anfrage von Handelsblatt Online auch bestätigt. Das DDR-Unternehmen hatte allerdings Teile seiner Produktion ausgelagert – in das Frauengefängnis in Hohenheim. Davon wussten nach eigener Aussage sowohl Aldi Nord als auch Aldi Süd bis ins vergangene Jahr nichts. Über die Art der Aufträge und den Umfang könne man keine Auskunft mehr geben, heißt es bei Aldi Nord, da dazu keine Unterlagen oder Zahlen mehr vorlägen. Beide Aldi-Unternehmen verurteilen aber die Zwangsarbeit, die im Osten der Republik stattgefunden hat.

Auch der Dax-Konzern Volkswagen soll bei einem DDR-Unternehmen produziert haben, das Häftlinge beschäftigte. Das geht aus einem Bericht von „Report Mainz“ am Montagabend hervor. Der Konzern bestreitet auch nicht, dass es eine Geschäftsbeziehung mit der VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla gegeben hat. Der Konzern lieferte bis in die 80er Jahre hinein 77.000 VW-Golf-Modelle in die DDR. Als Kompensation dafür erhielt Volkswagen aus der DDR neben Heizöl und Braunkohle auch Produkte wie Nebelscheinwerfer und Radkappen, heißt es in einer Stellungnahme.

Allerdings hätte die VEB Ruhla 20.000 Beschäftigte in 40 Betriebsstätten gehabt, sagt der VW-Leiter für Historische Kommunikation, Manfred Grieger, gegenüber Handelsblatt Online. Man könne nicht mehr sagen, ob in Eisenach produziert wurde, so der VW-Historiker. Volkswagen habe den Einsatz von Gefangenen „weder veranlasst noch wissentlich gebilligt oder gar davon profitiert“. Der Konzern will den Vorwürfen nun jedoch nachgehen.

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