Summer in the City
In New York schmilzt der Asphalt

In New York ist es zurzeit mal wieder so heiß, dass die Ampeln ausfallen, der Asphalt schmilzt und mehr Straßenräuber zuschlagen. Das ist nichts Besonderes. In New York ist jeder Sommer so. Anders als in Deutschland spricht deshalb auch niemand darüber. Man leidet still.

HB NEW YORK. „In manchen Nächten ist New York so heiß wie Bangkok“, schrieb einmal der Literatur-Nobelpreisträger Saul Bellow. „Der bittergraue Atlantik ist auf einmal grün und tropisch.“ Nicht jeder kann diesem Wetter so viel Positives abgewinnen wie einst der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896-1977), der in Amerika im Exil lebte: „Selbst die tropisch-feuchte Glut einer Hitzewelle hatte durch ihren exotischen Charakter etwas Stimulierendes.“

Temperaturen um die 40 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent schaffen in der 8,5-Millionen-Metropole eine neue Form der Zweiklassengesellschaft: Die einen können es sich leisten, den Sommer zu ignorieren, indem sie sich den ganzen Tag über in klimatisierten Wohnungen und Büros bewegen und sogar ihre Pinscher in Hundetaxis mit Air Condition durch die Stadt fahren lassen.

Die anderen schwitzen. Sie halten sich gekühlte Coladosen an die Schläfen oder schrauben die Hydranten auf der Straße auf, um in aller Öffentlichkeit eine Dusche zu nehmen. Freibäder gibt es so gut wie nicht. Und obwohl New York eine Inselstadt ist, eignet sie sich nicht für einen Badeurlaub: Entweder ist das Wasser zu schmutzig oder die Strömungen sind zu gefährlich. Der Hausstrand Coney Island in Brooklyn ist folglich hoffnungslos überfüllt.

In der bleiernen Mittagshitze verschwimmen die Konturen der Skyline. Selbst die Wolkenkratzer scheinen zu schwitzen: Immer wieder tropft es von oben auf den Gehweg. Das ist das Kondenswasser der Klimaanlagen, die überall unter den Fenstern hängen. Zu einem richtigen New Yorker Sommer gehört, dass das veraltete Stromnetz wegen Überlastung zusammenbricht. Die Abermillionen auf Hochtouren laufenden Kühlschränke und Klimaanlagen sind einfach zu viel. Dieses Jahr hat es 100 000 Haushalte in Queens getroffen. 1 000 davon waren auch nach zehn Tagen noch nicht wieder angeschlossen. Bürgermeister Michael Bloomberg sagt dazu nur, dass New Yorker mit gelegentlichen Stromausfällen zurechtkommen müssen. Was nicht umbringt, härtet ab.

Aber die Hitze bringt die New Yorker einander auch näher. Das Phänomen ist unter dem Namen „stooping“ bekannt, abgeleitet vom holländischen Wort „stoep“. Ein „stoep“ bezeichnet sowohl einen Gehweg als auch einen typisch Amsterdamer Treppenaufgang zur Haustür, wie ihn auch das klassische Wohnhaus in New York - einst Neu- Amsterdam - aufweist. Weil es selbst abends kaum kühler wird, sitzen viele Metropolenbewohner dort bis tief in die Nacht, hören Musik, spielen Schach, trinken Eistee. Und sagen sich: „Der nächste Schneesturm kommt bestimmt.“

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