Superbenzin in Deutschland jetzt bei 1,39 Euro
„Katrina“ lässt Benzinpreise explodieren

Die Produktionsausfälle im Golf von Mexiko treffen die Rohölmärkte ins Mark. Doch noch immer ist das Ausmaß der Schäden durch den Hurrikan „Katrina“ bei weitem nicht absehbar.

LONDON/NEW YORK. Nahezu sicher sind sich Experten nur darin, dass die Ölpreise weiter steigen werden. Die Benzinpreise in Deutschland eilen der Entwicklung vorweg. Gestern verteuerten Shell und Esso den Liter Superbenzin um einen Schlag um acht Cent auf 1,39 Euro.

Der Hurrikan Katrina hat acht Ölraffinerien im Krisengebiet lahm gelegt und teilweise überschwemmt. „Unsere Leute haben gestern Abend vor Ort den Schaden gesichtet, aber bisher wissen wir nicht, wie schnell die Raffinerie wieder in Betrieb gehen kann“, sagte Chevron-Sprecher Michael Barrett dem Handelsblatt. Chevron betreibt in Pascagoula im Bundesstaat Mississippi die größte betroffene Raffinerie, die pro Tag 325 000 Barrel Rohöl verarbeitet. Die Anlage liegt seit Sonntag still.

Der Ausfall von rund zehn Prozent der gesamten US-Raffineriekapazitäten stellt für die Benzinpreise in den USA eine direktere Gefahr dar als die vorübergehende Schließung der Ölplattformen im Meer. Zusätzlich ist das Leitungsnetz betroffen, das Öl und Benzin aus dem Südosten der USA transportiert. Geoff Sundstrom, ein Sprecher des Autoverbands AAA, warnte daher vor „nationalen Folgen, weil das Pipeline-Netz bis in den Nordosten, nach Chicago und Denver, reicht“.

Vor diesem Hintergrund zeigten sich die Märkte nur wenig beeindruckt von dem Angebot des US-Energieministers, die strategische Ölreserve anzuzapfen. Der Preis für das europäische Brentöl lag gestern mit rund 66,70 Dollar je Barrel (159 Liter) nur minimal unter dem Vortagesstand. Auch die US-Richtmarke WTI blieb mit fast 70 Dollar nur knapp unter dem Rekord des Vortags von 70,90 Dollar. „Das ist eine sehr ernste Situation am Ölmarkt“, wertete Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) in Berlin den Anstieg des Ölpreises in den USA auf über 70 Dollar. Er forderte mehr Transparenz am Ölmarkt, um die Spekulation zu begrenzen. Zudem seien die USA dringend gefordert, mehr in neue Raffineriekapazitäten zu investieren.

Bereits in den zurückliegenden Wochen haben die unzureichenden US-Raffineriekapazitäten die Benzinpreise in Deutschland wie in den USA auf Rekordhöhe getrieben. Mit wachsender Sorge haben die Akteure an den Energiemärkten daher immer wieder auf die wöchentlichen Bestandsdaten aus den USA geblickt. Mit dem Hurrikan hat sich nun die Situation stark eingetrübt. Sandra Ebner, Ölexpertin der Deka Bank, rechnet mit weiter steigenden Preisen. „Denn es werden vermutlich sehr enttäuschende Lagerbestandsdaten kommen.“ Die Expertin hält in den nächsten Wochen einen Preisanstieg bei Brentöl bis auf 75 Dollar für möglich. Dabei könne eine Freigabe von Öl aus der strategischen Reserve der USA den Preis zwar etwas dämpfen, bei Benzin wirke sich das Vorgehen aber nicht aus. Noch unklar ist auch, ob sich das Öl überhaupt zu arbeitsfähigen Raffinerien schaffen lässt. Arjun N. Murti von Goldman Sachs warnt mit Blick auf die Infrastruktur, es sei überhaupt nicht absehbar, „wie hoch das Ausmaß der Schäden tatsächlich ist“. Und selbst wenn diese nur begrenzt ausfielen, könnten sie die Ölpreise „sprunghaft anziehen lassen“.

Nach Einschätzung von Gregor Elze, Ölexperte der Bayerischen Landesbank, hat der Hurrikan den Markt in einer ohnehin angespannten Situation getroffen. „Solche Ereignisse führen daher zu erhöhten Preisschwankungen“, sagt er. Die BayernLB rechnet für das laufende Jahr bei Brentöl mit einem durchschnittlichen Preis von 53 Dollar je Barrel und für 2006 mit 55 Dollar.

Andere Experten äußern sich noch drastischer. „Abhängig von den nächsten Tagen könnte dies der größte Energieschock seit den 70er-Jahren werden, weil Raffinerien, Ölförderung und Gasförderung gleichzeitig betroffen sind“, sagte Daniel Yergin, Ölhistoriker und Leiter des Instituts Cambridge Energy Research Ass., dem Wall Street Journal.„Wir haben es jetzt mit einer schweren Energiekrise zu tun“, beschreibt Paul Horsnell von Barclays Capital die Folgen des Hurrikans. „Wenn man die Ausfälle der lahm gelegten Raffinerien mit einer Kapazität von zwei Million Barrel am Tag und den reduzierten Ausstoß vier weiterer Raffinerien fortschreibt, ergeben sich erschreckende Zahlen“. Da die Reparaturen und die Wiederinbetriebnahme der Anlagen längere Zeit in Anspruch nehmen dürften, würden mindestens 20 Millionen Barrel an Produkten fehlen. Im Extremfall könnten es sogar bis zu 40 Millionen Barrel werden. Ein Teil des Bedarfs werde damit zwangsläufig nicht gedeckt werden. „Die sich auftuende Lücke ist so groß, dass der gesamte Energiemarkt nur mit kräftigen Preissteigerungen darauf reagieren kann“, meint Horsnell.

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