SXWS
Digital, links und kreativ in Texas

Bei der Start-up-Digitalkonferenz „South by Southwest“ in Austin spielt die Politik eine prominente Rolle. Dort wird sie in außergewöhnlichen Geschichten präsentiert – zum Beispiel über Toiletten.
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AustinPolitik macht auch vor Toiletten nicht Halt. Bei der „South by Southwest“ (SXWS) in Austin, einer gewaltigen Konferenz über alles, was digital und kreativ ist, informieren neben den Waschbecken Schilder, dass die Veranstalter ein Gesetz des Bundesstaats Texas ablehnen, das Transgender zwingen soll, sich gemäß ihrem „biologischen Geschlecht“ einzusortieren, wenn sie mal müssen. Später diskutieren Betroffene auf dem Podium im großen Ballsaal mit Tinder-Präsident Sean Rad und loben ihn dafür, dass seine Dating-App mit dem zynischen Weg-Wisch-Effekt sich nicht der konservativen Zweiteilung der Welt in männlich und weiblich unterordnet.

Manchmal spielt Politik auch nur in Anspielungen eine Rolle. Etwa wenn Hugh Forrest, Programmchef der Konferenz, anmerkt: „Vorher war ja nicht abzusehen, was für eine wichtige Rolle Journalismus jetzt spielt.“ Donald Trump, den neuen US-Präsidenten, der die Medien als Feinde auserkoren hat, erwähnt er dabei nicht ausdrücklich.

Viel deutlich dagegen der Auftritt von Cory Booker. Der charismatische Senator des Bundesstaats New Jersey, mit Jeans und Hemd über dem Gürtel perfekt im SXSW-Stil gekleidet, hält mit heller, enthusiastischer, manchmal fast überschlagender Stimme eine Gegenrede zum Rutsch Amerikas in die superkonservative Vergangenheit. „Liebe“ ist sein Schlagwort, es klingt wie eine verspätete Rede zur Wahl, die die Demokraten verloren haben, ein bisschen Obama-Atmosphäre kommt auf, nur, dass Booker noch viel extrovertierter ist als Trumps Vorgänger. „Toleranz“ ist ihm nicht genug. „Das heißt nur, man wechselt die Straßenseite“, sagt er. Er blickt zurück in die amerikanische Geschichte, erzählt über seine Erfahrungen als Bürgermeister der heruntergekommenen Staat Newark und die Bürgerrechtsbewegung, redet über Präsident Abraham Lincoln und Jeffersons Unabhängigkeitserklärung. Er will die US-Geschäfte mit all ihrem Hass und ihren Spaltungen nicht „weiß waschen“, sagt er. Aber er beschwört die Fähigkeit der Amerikaner, immer wieder den Hass zu überwinden und zu erkennen, dass alle zusammengehören und sich gegenseitig brauchen.

Am Freitag hat die SXSW begonnen mit ihren Zehntausenden von Besuchern und mehr als 1000 Veranstaltungen. Schon am Vorabend zeigte sich Austin, die linke, liberale Hauptstadt des konservativen Bundesstaats Texas, von der besten Seite. Gemäß dem Ruf von Austin verwandelte sich die Innenstadt nach Einbruch der Dunkelheit in eine einzige lange Theke, bevölkert von einer Unmenge junger Leute, mit guter Live-Musik in unzähligen Kneipen. Am ersten Tag überfällt den Besucher dann eine Fülle von Veranstaltungen – verbunden mit einer Fülle von Geschichten.

Ein früher Höhepunkt ist die Story von Cory Richards, einem Photographen von „National Geographic“. Er nimmt die Zuhörer, unterstützt von seinen großartigen Bildern, mit auf Reisen bis an die Enden der Welt, und zugleich ist es seine eigene Lebensreise, der er schonungslos ausbreitet. Als hochbegabtes Kind mit zwölf auf dem College scheitert er, nimmt Drogen, verbringt Monate in einer Besserungsanstalt und Jahre auf der Straße, bis er die Rettung beim Bergsteigen findet. „Die Berge haben mich nie gefragt, wer ich bin, ich konnte dort einfach sein, der ich bin“, erzählt er. Aber eine komplette Heilung halten sie nicht bereit, bis heute nicht. Dafür Gefahren, er wird von einer Lawine verschüttet und macht danach ein Selfie, das ihn auf die Titelseite von „National Geographic“ bringt. Keine 30 Jahre ist er damals alt und sieht doch aus wie 90, nicht einmal seine Eltern erkennen ihn wieder. Der Unfall lässt eine tief gehenden Schaden in seiner Seele zurück. Er treibt ihn in den Alkohol, aber auch hinaus in die Welt, nach Angola, wo Minen in der Erde stecken, zu den Seenomaden Indonesiens, die per Zwang sesshaft gemacht werden, durch den Dschungel und die Berge Pakistans, wo er sich mit Soldat,en anfreundet, und schließlich auf den Mount Everest. Immer wieder großartige Bilder, aber auch solche, die anklagen, wie das von einem indonesischen Fischer, der seinen Arm beim Dynamitfischen verloren hat, wozu ihn die Sesshaftigkeit gebracht hat.

Die Expedition zum Mount Everest dokumentiert er auf Snapchart - das ist die Verbindung zur digitalen Welt. Nur auf dem Gipfel gelingt ihm das nicht, weil sein Handy ausfällt. Zum Glück hat er auch eine Kamera bei sich, und er nimmt damit den Müll auf dem höchsten Gipfel der Erde auf, bunt ausgebreitet vor einem unendlichen Wolkenmeer.
Und dann landet auch er, am Ende seiner großen Geschichte, die aus vielen kleinen Geschichten besteht, bei der Politik. Sein Stichwort ist nicht „Liebe“, sondern „Aufrichtigkeit“, sich selber gegenüber, aber auch in der Öffentlichkeit. Unter Applaus sagt er, lassen wir das hier unübersetzt: „Truth fucking matters!“

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