Tagebuch eines Japaners - Teil 1
"Keiner ist gelassen, alle haben Angst"

Der Schrecken hat Japan im Griff, doch für die Bürger muss das tägliche Leben trotzdem weitergehen. In einem Tagebuch für Handelsblatt Online beschreibt ein junger Japaner, wie er seinen Alltag meistert. Aufgezeichnet von Jan Keuchel .
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Freitag, 18. März 2011: Es ist jetzt genau eine Woche seit dem Erdbeben vergangen. Während BMW, Daimler, und vermutlich viele andere ausländische Firmen ihre Expatriots noch am Wochenende oder am Montag aus Tokio verlegt oder direkt ins Heimatland ausgeflogen haben, wird in Tokio weitergearbeitet. Bei einigen Firmen wie Fuji-Xerox soll es am Dienstag die Anweisung gegeben haben, zuhause zu bleiben. Aber die ist mittlerweile wieder aufgehoben.

Einige (wenige) deutsche Freunde kritisieren die westlichen Medien wegen voyeuristischer Berichterstattung oder "Katastrophengeilheit" und loben dabei die Gelassenheit der Tokioter. Ich erlebe das etwas anders. Was die Kritik an der katastrophengeilen, Panik stiftenden Berichterstattung angeht, da stimme ich teilweise noch zu. Aber die "Gelassenheit der Tokioter"? Nein!

Was ich hier sehe, hat nichts mit Gelassenheit zu tun, denn alle haben Angst. Anfangs haben die meisten an der üblichen Routine festgehalten. Sie haben geglaubt, dass der Kraftwerksbetreiber Tepco das schon irgendwie in den Griff bekommen wird. Die Möglichkeit, dass es im 240 Kilometer von Fukushima entfernten Tokio gefährlich werden könnte, hat keiner so richtig wahrgenommen. Im Gegensatz zu Europa war hier Tschernobyl ein Geschehen weit weg von der Heimat, und so hat man anfangs auch Fukushima wahrgenommen.

Jetzt, so scheint es mir, hält man an der Routine fest, weil man nicht weiß, was man außer Routine machen soll. Außerdem: Wenn die Firma kein OK gibt, kann Dir die Flucht aus Tokio den Job kosten.

Die Menschen hier haben also mittlerweile sehr wohl Angst. Man redet nur nicht so offen darüber. Aber hinter vorgehaltener Hand, unter Kollegen, denen man traut, wird diskutiert ob, wann und wie man Tokio verlassen soll.

Auch wenn die Chefetage meiner Firma daran erinnert, dass jeder einzelne sich jetzt darauf konzentrieren soll, was man zu dieser Situation beitragen kann. Und (so geht das Statement meiner Chefs weiter), dass das eben die Fortsetzung meiner Arbeit sei, die Dienstleistung der Firma aufrecht zu erhalten. Dass jede Dienstleistung als ein Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander zu verstehen ist und dazu beiträgt, den wirtschaftlichen Kreislauf am Leben zu erhalten.

Da ist durchaus schon was dran. Der Schaden durch wirtschaftlichen Stillstand in Tokio wäre vermutlich noch verheerender als der bisher durch die Katastrophe selbst ausgelöste. Aber ich habe das Gefühl, dass die meisten nicht aus Überzeugung hier bleiben, das tun nur "Unternehmer". Größer als die Angst vor der Katastrophe, scheint die Angst, dass man vom eigenen Status quo abrutscht.

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