Tagebuch eines Japaners - Teil 2
(K)ein ganz normales Wochenende

Der Schrecken hat Japan im Griff, doch für die Bürger muss das Leben weitergehen. In einem Tagebuch für Handelsblatt Online beschreibt ein junger Japaner, wie er seinen Alltag meistert. Aufgezeichnet von Jan Keuchel .
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Ich befinde mich zur Zeit in Kioto, etwa 500 Kilometer südwestlich von Tokio. Abgesehen davon, dass man in unserer Firma mittlerweile auf Telework umgeschaltet hat (wir arbeiten von zu Hause aus, Meetings finden über Chat und Internettelefon statt), ist es Wochenende - wo ich mich aufhalte, ist also arbeitstechnisch irrelevant. Noch…

Als ich ein wenig in der Gegend um den Kiotoer Bahnhof herumgelaufen bin, habe ich auch in Supermärkte und "Convenience Stores" (das sind 24-Stunden-Nachbarschaftsläden) reingeschaut. Mein Augenmerk galt vor allem den Instant-Nudeln-, Wasser- und Reisregalen. Die waren in Tokio nämlich oft wegen der Panikkäufe der letzten Tage leergeräumt. Hier allerdings, sind die Regale noch voll. 

Vor einem großen Laden der Supermarktkette AEON stehen etwa sechs sehr junge Mitarbeiter mit einer Spendenbox für die Tsunami-Opfer und bitten, nein eigentlich schreien sie, um Spenden. Das ganze läuft nach einem Skript ab, das schreiend von einer Person vorgelesen wird, danach verbeugen sich alle gleichzeitig und rufen „Onegai-shimasu!“ (frei übersetzt : "wir bitten darum"). Das ist eine in Japan sehr häufig angewandte Phrase. Man sagt es zum Beispiel auch morgens bei der Arbeit gegenüber den Mitarbeitern, bevor man anfängt oder bei Beginn eines Sportwettkampfs zu den Mit- und Gegenspielern.

Ansonsten ist hier alles normal.

Mittlerweile sind eine Freundin und ein Freund aus Tokio nach Osaka gekommen, das nahe an Kioto liegt. Die Freundin musste sowieso auf Anweisung der Firma zuhause bleiben, der Freund ist zugleich ein Arbeitskollege von mir, und seine Eltern und Schwestern sind schon seit Dienstag in Osaka. Bei beiden hat es also keine beruflichen Konsequenzen.

Über Facebook kommuniziere ich allerdings auch mit Freunden, bei denen das nicht so einfach läuft. Schwierig ist es insbesondere, wenn einer der Ehepartner bei einer japanischen, der andere dagegen bei einer ausländischen Firma arbeitet. Der eine muss weiterhin zur Arbeit, der andere muss auf Anweisung der Firma zuhause bleiben und bekommt teilweise sogar die Kosten erstattet bekommen, wenn er Tokio oder gar das Land verlässt.

Viele bleiben deshalb zusammen in Tokio. Das gilt allerdings auch nur für kinderlose Ehepaare. Auf dem Weg hierher nach Kioto habe ich in den Shinkansen (den japanischen Hochgeschwindigkeitszügen) sehr viele Mütter mit ihren Kindern gesehen. Aus den Gesprächen der Mütter untereinander konnte ich heraushören, dass der Ehemann weiterhin in Tokio arbeitet – und die nicht arbeitenden Ehefrauen mit den Kindern aus Tokio flüchten.

Abgesehen von der Angst vor der Katastrophe gibt es eben auch diese, teils sehr emotionsbeladenen Diskussionen innerhalb der Familien: Wer geht, wer bleibt, wird die Entscheidung innerhalb der Familie unterstützt oder nicht.

Der Autor des Tagebuchs ist ein 29-jähriger Unternehmensberater aus Tokio. Den Namen des Autors hat die Redaktion auf seinen Wunsch hin geändert.

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