Tagebuch eines Japaners - Teil 6: "Den TV-Sendern brechen Werbeeinnahmen weg"

Tagebuch eines Japaners - Teil 6
"Den TV-Sendern brechen Werbeeinnahmen weg"

In der Nacht auf Mittwoch und tagsüber wurde Tokio wieder ordentlich durchgerüttelt. Die Nachbeben nehmen weiterhin kein Ende und die Werbeindustrie hat kaum was zu tun. Aufgezeichnet von Jan Keuchel.
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23. März 2011: Nach mehreren Meetings mit Klientenfirmen wird deutlich, dass zumindest im Bereich B2B-Marketing, in dem meine Firma überwiegend tätig ist, langsam der Normalbetrieb zurückkehrt. Akquise-Aktivitäten werden wieder aufgenommen, wobei man allerdings herstellende Firmen, die in dem vom Erdbeben und Tsunami betroffenen Gebieten eine Fabrik besitzen, außen vor lässt. Die haben alle Hände voll zu tun, ihre Produktion wieder ans Laufen zu bringen.

Dazu muss man wissen, dass in den betroffenen Gebieten sehr viele Fabriken stehen (bzw.: standen). Bei Asahi Beer etwa, einer der größten Bierhersteller Japans, sind zwei von neun Fabriken von Erdbeben und Tsunami betroffen, Asahi muss nun erhehliche Lieferungstopps verkraften.

Im Fernsehen laufen nur noch sehr wenige Werbe-Spots von privaten Unternehmen (also die “üblichen” Spots) - statt dessen sehr viele der Ad Council Japan, kurz AC Japan. AC Japan vertreibt Werbespots für öffentliche Institutionen. Normalerweise handelt es sich dabei um Themen wie die Warnung vor Drogenmissbrauch oder zur gründlichen Mülltrennung und zu Recycling. Zur Zeit geht es allerdings immer wieder um Nächstenliebe allgemein oder Elternliebe... Die Moral der Zuschauer, von uns Japanern soll wohl gestärkt werden.

Jedenfalls erkennt man daran, dass die TV-Sender zur Zeit große Verluste bei den Werbeeinahmen auszuhalten haben, denn die Werbung von AC Japan wird von den Sendern kostenfrei ausgestrahlt. Die öffentliche Hand füllt die Lücken, weil es zur Zeit an Sponsoren mangelt. Abgesehen davon, dass viele Firmen ihre Marketing-Budgets stark gekürzt haben, herrscht im Volk allgemein auch die Stimmung, dass es zu diesem Zeitpunkt unanständig ist, Werbung in eigener Sache zu betreiben.

Bei den großen Werbeagenturen Dentsu und Hakuhodo müsste es also ausnahmsweise mal ruhig zugehen. Wie ich aus zweiter Hand mitbekommen habe, mussten die Mitarbeiter allerdings auch letzte Woche - während viele Firmen ihre Mitarbeiter zuhause ließen - zur Arbeit erscheinen, obwohl es nichts zu tun gab. Der Grund: "Es sei nicht akzeptabel, dass wir zuhause hocken, während die Klientenfirmen harte Zeiten durchstehen müssen." Wenn das wirklich stimmt, dann ...Kein Kommentar.

Der Autor des Tagebuchs ist ein 29-jähriger Unternehmensberater aus Tokio. Den Namen des Autors hat die Redaktion auf seinen Wunsch hin geändert.

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