Tagebuch eines Japaners - Teil 9
"Normalität ist wichtig, aber Verarbeiten genauso"

Die verordnete Zurückhaltung zum Kirschblütenfest fand nur wenig Zustimmung. In der Krise ist Kontinuität gefragt. Doch auch das Aufarbeiten der Katastrophe ist wichtig. Aufgezeichnet von Japan-Korrepsondent Jan Keuchel.
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Tokio7. April 2011 (Donnerstag): Beim traditionellen Ohanami (Kirschblüten-Bestaunen) am vergangenen Wochenende waren meine Freunde und ich zum Glück keine Ausnahme. Von allgemeiner Zurückhaltung war wenig zu sehen, der Park war voll von Menschen, die trotz der Kälte zusammengekommen waren, um wie jedes Jahr ihren Spaß am alkoholisierten Picknick unter Kirschbäumen zu haben. Die Kritik an der Aufforderung, doch angesichts von Erdbeben und Tsunami Zurückhaltung zu üben, ist in der Bevölkerung offensichtlich weit verbreitet. Die Tokioter Regierung reagierte mit Einsicht und hat mittlerweile die aufgestellten Schilder in den Parks wieder eingesammelt, die den Besucher aufforderten, sich mit dem Ohanami zurückzuhalten. Das war dann doch zuviel Bevormundung.

Selbst die Wirtschaftszeitung "Nikkei" hat sich für dieses Thema interessiert. Sie führte eine stichprobenartige Umfrage durch, bei der herauskam, dass 77,9 Prozent der Bevölkerung die Zurückhaltungspolitik des Tokioter Bürgermeister ablehnen. Je jünger die befragte Person, desto eher das Unverständnis (aber selbst in der höchsten Alterskategorie der über 75jährigen waren 65 Prozent gegen das Feierverbot). Die meisten begründen dies mit wirtschaftlichen Argumenten: Je weniger gefeiert wird, desto geringer fällt der ökonomisch wichtige Konsum aus.

Auch ein Sake-Hersteller (Sake ist japanischer Reiswein) aus dem Katastrophengebiet war unter den Befragten. Er bat ausdrücklich darum, doch wie immer Ohanami (mit Sake) zu feiern - anderenfalls würde sein fest eingeplanter Umsatz deutlich abrutschen und die bereits kritische Lage seines Unternehmens noch weiter verschärfen.

All das zeigt: die Menschen denken trotz der Katastrophe weiter nüchtern. Sie wollen einfach nur ihrem Alltag nachgehen, weil sie davon überzeugt sind, dass Kontinuität die beste Medizin gegen diese Krise ist. Kontinuität, Konstanz, immer ruhig bleiben - das gehört in Japan zu den alten Tugenden, die teilweise auch auf "Bushido" (den Verhaltenskodex und die Philosophie der Samurai) zurückzuführen sind. In der jetzigen Situation ist das, auch meiner Meinung nach, das beste, was Otto-Normal-Verbraucher tun kann.

Mich stört dabei allerdings, dass es nur wenige zu geben scheint, die - bei allem Verständnis für den Wunsch nach Normalität - auch einmal stehenbleiben, um über das persönliche Erlebnis der Katastrophe zu reflektieren und sich mit der Gefahr aus Fukushima und der damit verbundenen Angst auseinanderzusetzen. Denn auch das ist typisch für viele Japaner: Sie stauen Stress und Angst in sich auf, bis es irgendwann einfach zuviel wird - und es dann zu gefährlichen Explosionen kommt. Allein Routine und Alltag ist meines Erachtens nicht die richtige Antwort auf diese Krise.

Der Autor des Tagebuchs ist ein 29-jähriger Unternehmensberater aus Tokio. Den Namen des Autors hat die Redaktion auf seinen Wunsch hin geändert.

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