Taizé-Bruderschaft
Erzengel auf Erden

Vor einem Jahr erstach eine geistig Verwirrte den Gründer der Taizé-Bruderschaft, Frère Roger. Trotz des Mordes, trotz der Trauer, trotz des leisen Zweifels – die Bruderschaft führt die Mission Rogers fort: Unter seinem Nachfolger halten die Gottesmänner Kurs – ein Ortsbesuch.

TAIZE. Warum ist er der Auserwählte? Bruder Alois kennt die Antwort auf diese Frage nicht. Bis heute weiß er nicht, warum er zum Vorsteher der Bruderschaft von Taizé auserkoren wurde. „Du wirst mein Nachfolger“, hat der Gründer der Gemeinschaft, Frère Roger, bereits vor knapp zwanzig Jahren zu dem kleinen, hageren Mann gesagt. Mehr nicht, keine Begründung, nur diesen einen Satz.

Vor einem Jahr hat Bruder Alois diese Aufgabe übernommen – nach dem Tod Frère Rogers, des geistigen Vaters der internationalen ökumenischen Gemeinschaft Taizé, des Idols Hunderttausender Pilger, der am 16. August 2005 einem Verbrechen zum Opfer fällt. Eine geistig verwirrte Frau sticht mit einem Klappmesser auf den Mann ein – mitten im Abendgebet. Der Papst im fernen Rom wird später sagen: „Frère Roger ist jetzt in den Händen der ewigen Gnade.“

Der Schatten dieser Tat liegt noch immer über dem Ort im Osten Frankreichs. „Es ist wie in einer Familie, wo ein lieber Mensch aus der Mitte gerissen wird“, sagt Bruder Alois. „Doch der Tod Rogers hat uns noch enger zusammenrücken lassen.“

Alois Löser, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, ist 52 Jahre alt und kommt aus Stuttgart. Vor mehr als drei Jahrzehnten trat er der Taizé- Bruderschaft bei. Den „Erzengel“ nennen sie ihn hier; die 100 Brüder aus mehr als 20 Nationen bringen so zum Ausdruck: Bruder Alois gilt eher als Primus inter Pares, nicht als Übervater wie Frère Roger. „Man kann Roger nicht ersetzen“, sagt sein Nachfolger.

Kommen bei den Brüdern, die hier leben, nach dem Mord an Roger Zweifel an Gott auf? „Manche bekamen Zweifel“, flüstert Alois, und sein Blick verliert sich in der flimmernden Luft des Sommers. „Doch unser Glaube ist stärker.“

Trotz des Mordes, trotz der Trauer, trotz des leisen Zweifels – die Bruderschaft führt die Mission Rogers fort: Taizé, das Zentrum des Friedens, der Versöhnung und der Freundschaft, pulsiert wie immer. Roger hat sich zur Legende verklärt. Der Lebensunterhalt der frommen Männer ist gesichert. Und Nachwuchsprobleme kennen sie nicht: „Es kommen immer genügend junge Männer, die ihr Leben mit uns teilen wollen“, sagt Bruder Richard. Er selbst schloss sich 1979, nach dem Abitur im Schweizer Bern, der Gemeinschaft an.

Auch Frère Roger stammte aus der Schweiz. Im Jahre 1940 gründete er die „Communauté de Taizé“. Der Calvinist Roger Schutz verpflichtete seine Mitstreiter auf Ehelosigkeit und auf ein bescheidenes Leben. Ihr tägliches Brot müssen die Brüder bis heute selbst verdienen. Anfangs arbeiteten sie noch in Fabriken und als Landärzte. Heute bauen sie Früchte an, schreinern, töpfern und verkaufen Taizé-Devotionalien – vom Bildband bis zur erbaulichen Musik. Wie viele Euro bleiben pro Jahr in der Gemeinschaft? Darüber reden die Frères nicht.

Seite 1:

Erzengel auf Erden

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%