Tanger
Eine Stunde Zeitreise

Nur eine kurze Fährfahrt übers tiefblaue Meer trennt die Surfstrände Südspaniens von den Bergen Marokkos. Tanger, die Schwelle zum Orient, erwartet die Besucher mit dem Geruch von Zimt und Gewürzen und den labyrinthischen Gassen seiner Altstadt.

TANGER. Die Speedfähre verlässt Europa mit 7 000 PS, 60 Stundenkilometern und einer gurgelnden Schaumspur im Rücken. Sie rast über petrolblaues Meer, Andalusiens Berge werden im Norden kleiner, und die Erinnerungen an die barbusigen Schönheiten am Strand, die Surfer, Bars und Beach-Clubs vernebeln. Man zischt an riesigen Tankern vorbei, fliegt über die Dünung. Dann nimmt am Horizont langsam eine weiße Stadt Konturen an, ein Leuchtturm, hoch auf einem Berg thront die Medina, und dann beginnt Afrika.

Gerade mal eine knappe Stunde dauert die Fahrt über die Straße von Gibraltar und gerät zum interkontinentalen Kurztrip: Nur 14 Kilometer trennen Südeuropa von Nordafrika. Wohl nirgends anders kommen sich zwei Erdteile so nah. Noch mutet es wie eine Zeitreise an, wie ein Tagesausflug in eine andere Welt. Die sich allerdings rasant verändert. Denn König Mohammed VI. will Tanger zu einem neuen wirtschaftlichen und touristischen Zentrum Marokkos machen. Schon 2009 soll aus dem alten Hafen eine Vergnügungsmeile mit Restaurants, Clubs und Sportanlagen werden.

In Spanien schweben die Kitesurfer am Himmel, auf dem Meer tummeln sich windsüchtige Wassersportler. Tarifa, der südlichste Zipfel Andalusiens, ist die Hochburg der Actionsportler. Vor den Bars flanieren tätowierte Schönheiten, über die adrett angelegten Plaças schlendern alte Spanier nebst blondsträhnigen Muskelmännern in Schlappen und der obligatorischen Billabong-Surferkluft. In der Luft liegt der Duft des leichten Lebens und in den Shops der letzte Schrei aus. Hot Pants, getigerte Badelatschen, verspiegelte Sonnenbrillen. Andalusien als hippes Spektakel - so endet das Abendland.

Von hier aus ist Afrika schon deutlich zu sehen. Wie eine braune Wand thronen die Berge Marokkos auf der anderen Seite des Meeres. In greifbarer Nähe beginnt ein anderes Reich. Mit anderen Menschen, Gerüchen, Gesten, Geräuschen. Tanger, die Schwelle zum Orient, die mit frisch getünchten Fassaden an der Avenida España und einer neu angelegten Fußgängerzone den Zeitreisenden behutsam empfängt. Um ihn dann in das Gewirr aus verwinkelten Gassen und wildem Durcheinander zu entlassen. Weiße Treppen führen hinauf zum Markt Petit Socco, weiter hoch zur Kasbah, die von Licht überschüttet auf den Hügeln steht. Von Beach-Boys keine Spur mehr. Alte Männer in Kapuzendschellabas kommen einem entgegen wie mittelalterliche Mönche.

Der Geruch von Zimt und Gewürzen weht durch die linde Luft, am Straßenrand sitzen die Höker, und kaum von den labyrinthischen Gassen der Altstadt verschluckt, beginnt das orientalische Meer der Waren. Auf den Suks baumeln einem Ziegenlederlampen über dem Kopf, Keramikteller liegen aus, Billig-Pop-Cassetten, Wasserpfeifen, Nippes und Tand in nie gesehener Vielfalt. Und prompt schallt einem diese Stimme ins Ohr: "Ey, Sir! Come here, my friend! Where you from? Alleman? English? Francais? Deutsch? Ah, deutsch gut! Bienvenue, welcome, willkommen! Dies, my friend, c?est Marokko."

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