Teenagerprobleme
Wie die Moderne den rebellischen Jugendlichen hervorbrachte

Ärger mit den Eltern, Aggressivität, Depressionen, Drogenmissbrauch – das scheinen unvermeidliche Teenagerprobleme zu sein. Doch die Probleme vieler Heranwachsender sind nicht naturgegeben, sagt der Psychologe Robert Epstein. In der Industriegesellschaft werde die Kindheit künstlich verlängert.

DÜSSELDORF. „Und du warst so ein süßes Kind!“ singen die „Ärzte“ in ihrem aktuellen Lied „Junge“. Ganz und gar nicht, sagt Robert Epstein, Gründungsdirektor des Cambridge Center for Behavioral Studies in Concord, Massachusetts. Jugendliche Rebellion ist keine biologische Notwendigkeit, sondern sei schlicht eine „Erfindung“ der Moderne, schreibt der Psychologe in der Zeitschrift „Gehirn&Geist“.

Denn wäre die problembelastete Jugend ein generelles Phänomen, müssten wir sie überall auf der Welt antreffen. Tatsächlich ist sie jedoch fast ausschließlich auf westliche Industriegesellschaften beschränkt. Untersuchungen von Teenagern in 186 Kulturen weltweit ergaben, dass asoziales Verhalten und psychische Störungen bei Jugendlichen außerhalb der industriealisierten Gesellschaften viel seltener sind. Während des überwiegenden Teils der Menschheitsgeschichte seien die Jugendjahre eine eher friedliche Zeit des Übergangs zum Erwachsensein gewesen. Für entscheidend hält Epstein den Umgang der jungen Menschen: In nicht- oder vorindustriellen Gesellschaften verbringen sie die meiste Zeit mit Erwachsenen und bekommen Verantwortung übertragen.

Der Aufruhr, den wir heute bei Jugendlichen beobachten, ist laut Epstein das Ergebnis einer künstlichen Verlängerung der Kindheit bis weit über das Einsetzen der Pubertät hinaus. Die Jugend wurde mehr und mehr infantilisiert und gleichzeitig von der Erwachsenenwelt isoliert. Sie lebt in einer „künstlichen Ersatzwelt“: der modernen Teenagerkultur. Dies sei ein künstlich geschaffener Markt, für den die Adoleszenzphase immer weiter nach hinten verschoben werde. Popstars machen es vor (zum Beispiel „Die Ärzte“, die auch als 40-Jährige noch über Teenagerprobleme singen). Popmusik, Marken-Fetischismus, Computerspiele erzeugen, Epstein zufolge, innere Leere, unterfordern die jungen Leute. „Heutzutage sind Jugendliche in der Welt ihrer Gleichaltrigen gefangen. Isoliert von älteren Vorbildern und fälschlicherweise wie Kinder behandelt, ist es kein Wunder, dass viele sich unbesonnen oder verantwortungslos benehmen.“

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