Temperatursturz in Moskau
Frost macht Strom in Russland zu rarem Gut

Russland leidet unter dem schlimmsten Wettersturz seit dem zweiten Weltkrieg: Bei klirrendem Frost bersten Heißwassertrassen, Schüler haben kältefrei, die Moskauer Börse wird stillgelegt. Die Wut vieler Russen richtet sich gegen den Energieriesen UES und dessen Politik der Notabschaltungen.

MOSKAU. In Moskau, wo in der Nacht zum Dienstag das Quecksilber auf frostige 24 Minusgrade fiel und im Laufe der Woche 37 Grad unter Null erwartet werden, schafften es zwei Obdachlose nicht mehr in wärmende Keller: Sie erfroren, 14 andere Moskauer kamen mit schweren Unterkühlungen allein am Dienstagmorgen in Kliniken.

In der Zehn-Millionen-Metropole herrscht der Ausnahmezustand: Wer sein Auto starten kann, verdient sich als Nebenjob-Taxifahrer für die vielen Anhalter eine goldene Nase. Dagegen gingen die Broker am Dienstag schon um 14 Uhr und damit vier Stunden eher nach Hause: Der Aktienhandel wurde eingestellt, da der russische Strommonopolist UES die Börse auf eine Liste von Unternehmen gesetzt hat, denen im Notfall der Strom abgedreht wird.

Notfall heißt für UES-Chef Anatolij Tschubajs, dass seine Kraftwerke bei weiter fallenden Graden alle Energie zum Heizen aufwenden müssen und so kaum noch Strom für nicht lebensnotwendige Betriebe bleibt. Vier Notabschaltungen gab es allein am Dienstag und in Moskau. In Sibirien, wo die Thermometer nachts inzwischen fast 60 Grad minus anzeigen, wurden bereits die ersten Dörfer evakuiert, weil die Heißwassertrassen von den Heizkraftwerken in die Häuser geborsten waren. In vielen Städten haben die Schulen bereits „Kältefrei“ verordnet.

Am Montagabend war in Moskau die Temperatur von fünf Grad so schnell auf 24 Frostgrade gefallen, dass man den Temperatursturz auf dem Thermometer verfolgen konnte. Der sehr schnelle Frosteinbruch durch eine westwärts strömende sibirische Kaltfront ist nach Angaben des Wetteramtes Rosgidromet der schlimmste Wettersturz seit 1940. Damals wurden in Russlands Hauptstadt 42,2 Grad unter Null gemessen.

Wenn in Moskau die Temperaturen in den nächsten Tagen noch weiter in sibirische Tiefen sinken, dreht UES in Spitzenverbrauchszeiten auch jede zweite Straßenlaterne aus und stoppt die Stromversorgung für mehrere Hundert Fabriken. Denn „nur so sorgen wir dafür, dass die lebenswichtigen Objekte, Wohnanlagen, Krankenhäuser und Polizeistationen voll beheizt und mit Heißwasser versorgt werden“.

Bereits im Vorfeld hatte Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow massiv gegen Tschubajs gewettert: Notabschaltungen seien die Schuld des früheren Privatisierungsministers, der die Konzerngewinne nicht in die Modernisierung seiner Kraftwerke stecke. Bereits im Sommer war es wegen eines Spannwerk-Brandes zu Stromausfällen in vielen Stadtteilen gekommen. Durch den rasanten Wirtschaftsboom, den Bau neuer Fabriken, immer neuer, hell illuminierter Läden und Clubs, immer grellere Reklameschilder und rasant in den Himmel wachsende Wolkenkratzer leidet die Hauptstadt in Spitzenzeiten an Strommangel. Hinzu kommt, dass viele Anlagen noch aus den 30er-Jahren stammen und immer nur notdürftig geflickt wurden.

Die „Morschi“, Russlands berühmte Eistaucher, ficht das alles nicht an: „Wir hacken uns auch bei 60 Minusgraden ein Kreuz in den vereisten Fluss, um am Donnerstag die heilige Taufe zu feiern“, prahlt Wladimir Grebenkin, Chef des Winterschwimmer-Verbandes. „Kreschenije“ am 19. Januar ist das Tauffest der russisch-orthodoxen Kirche und wird traditionell mit Eisbaden in Seen und Flüssen begangen – egal, wie kalt es wird.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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