Theoretisch wird viel getan, die Praxis sieht anders aus
Russlands Behörden spielen Gefahr herunter

Sie kommen im Morgengrauen. Ein Dutzend Männer mit weißen Schutzanzügen und gelben Atemmasken verteilt sich in Windeseile im sibirischen Dorf Bakluschi. Die Arbeiter öffnen die Zäune zu den Bauernholzhütten und erschlagen in den Höfen Hunderte Hühner und Gänse mit bloßen Holzstangen. Binnen einer Viertelstunde füllt sich der mitgebrachte Lastwagen mit Plastiksäcken voll toten Geflügels.

HB MOSKAU. 121 000 Hennen, Enten, Gänse und Puten sind so in Russland bereits gekeult worden in den sechs der 89 russischen Regionen, in denen die Vogelgrippe ausgebrochen ist. An dem Virus selbst sind mehr als 11 000 Stück Federvieh elendig verendet. Eine tödliche Bedrohung für die 233 Millionen Stück Geflügel, die in dem Land gehalten werden. Mit Todeslisten arbeiten deshalb die 703 Mitarbeiter des Katastrophenschutzes und Veterinärinspektoren alle 103 Ortschaften ab, in denen infizierte Vögel vermutet werden.

Die Männer kommen in der Morgendämmerung, um die Bauern zu überraschen. Denn angesichts von Prämien von nur 100 Rubeln pro totem Huhn und 150 Rubeln (umgerechnet 4,30 Euro) für eine notgeschlachtete Ente wehren sich die zumeist unter ärmlichen Verhältnissen auf dem Lande lebenden Russen auf ihre Weise: Sie verstecken sich mitsamt ihrem Geflügel in der Taiga. Federvieh hält nahezu jeder auf dem Lande, und das deutlich billigere Hühnerfleisch steht auf dem Speiseplan fast aller Russen. Somit ist die Vogelgrippe nicht nur wegen der Ansteckungsgefahr für Menschen in den betroffenen Provinzen eine wahre Katastrophe.

Inzwischen hat die am 20. Juli bei Nowosibirsk ausgebrochene Seuche auch den europäischen Teil des Riesenreichs erreicht: Seit Dienstag ist Tscheljabinsk, westlich des Ural-Gebirges – der natürlichen Grenze zwischen Asien und Europa – betroffen. Und seitdem ist auch nachgewiesen, dass es sich beim in Russland grassierenden Vogelvirus um den auch für Menschen tödlichen aggressivsten H5N1-Erreger handelt. Eingeschleppt wurde er vermutlich von Zugvögeln, die von China aus in ihre Brutgebiete heimflogen.

Bisher hat es nach Angaben der russischen Behörden noch keinen Fall einer Übertragung des mutierenden Virus auf Menschen gegeben. In den vergangenen zwei Jahren waren 57 Menschen in Asien an der Infektion gestorben. Doch trotz der drohenden Gefahr gehen die örtlichen russischen Behörden sehr lax mit der Seuche um: Als „für Menschen nicht ansteckend“ gab der Nowosibirsker Gouverneur Wiktor Tolokonskij den Virus aus. Und fügte hinzu: „Es gibt auch keinen Grund, kein Hühnerfleisch und keine Eier mehr zu essen. Im Gegenteil.“

Inzwischen sind laut Behördenangaben 5 7000 Proben genommen und alle Mästereien und Legebatterien in den betroffenen Gebieten unter Quarantäne gestellt worden. Theoretisch zumindest. Denn in der Praxis glaubt kaum jemand, dass angesichts idealer Seelandschaften für die Vermischung von Wildenten und heimischem Geflügel sowie der wuchernden Korruption in Russland das Land der Epidemie Herr werden kann. So versuchen nicht nur Kleinbauern ihr Geflügel vor der Notschlachtung zu retten. Im sibirischen Altai-Gebirge hat der Besitzer einer Hühnerfarm trotz nachgewiesener Vogelgrippe seine 9 000 Hühner schlachten und verkaufen wollen. Inzwischen wurden alle Tiere getötet, und die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Chef der Kolchose. Experten bezweifeln, dass dies ein Einzelfall ist.

Angesichts der 1 000 Kilometer westwärts, die die infizierten Zugvögel in den vergangenen drei Wochen zurückgelegt haben, schwant Boris Bojew vom Tjumener Epidemie-Labor Schlimmes: „In Moskau kommt die Vogelgrippe in einem Monat an“, lautet seine Prognose.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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