Thomas Reiter
Ein Jahr des Weltraums

Als der deutsche Astronaut Thomas Reiter von seiner fast halbjährigen Mission an Bord der Internationalen Raumstation ISS auf die Erde zurückkehrte, war das der krönende Abschluss eines für die europäische und deutsche Raumfahrt ereignisreichen Jahres.

DÜSSELDORF. "Ein herausragendes Jahr", sagt Bernhard von Weyhe, Sprecher des Europäischen Raumfahrtkontrollzentrums in Darmstadt. Selten konnte die deutsche Raumfahrt so viel Aufmerksamkeit genießen. Über einen Chat im Internet antwortete Reiter seinen Landsleuten live, die Bundeskanzlerin telefonierte publikumswirksam mit ihm. Nichts interessiert die Menschen so sehr wie der Mensch, lautet eine alte Journalistenweisheit. Das gilt auch für das Weltall und die Raumfahrt. "Alles, was landet und mit Menschen zu tun hat, interessiert die Leute besonders", sagt von Weyhe. "Und natürlich umso mehr, wenn ein Deutscher dabei ist."

Dass der Weltraum die Öffentlichkeit besonders bewegt, ja von vielen Menschen erst wahrgenommen wird, wenn er von mutigen Männern und Frauen befahren wird, zeigt die ganze Geschichte der Raumfahrt.

US-Präsident George W. Bush gab im Februar der US-Raumfahrtbehörde Nasa das Ziel vor: die Landung mit Astronauten auf dem Mars. Das begeistert. Dafür bekommt man Steuermittel bewilligt. John F. Kennedy hatte es vorgemacht. Als er 1961 ankündigte, noch vor Ende des Jahrzehnts werde ein Mensch (ein Amerikaner natürlich) den Mond betreten, war die Begeisterung so groß, dass die Nasa trotz gleichzeitigen Vietnam-Krieges reichlich mit Kapital ausgestattet wurde. Das Apollo-Programm war der Stoff, aus dem die Helden gemacht werden, nach denen die Nation verlangte. Wenn die USA schon in Vietnam gedemütigt wurden - auf dem Mond waren sie die Ersten und Einzigen. Die Bilder von den Schritten Neil Armstrongs und Edwin Aldrins auf dem Mond sind zu Ikonen geworden und Armstrongs Kommentar dazu eine Redewendung. Jeder Mensch über 45 weiß wohl noch, wo er an jenem 21. Juli 1969 vor dem Fernseher saß.

Damals, im überschwänglichen Gefühl des Augenblicks, schien es überhaupt nicht utopisch, dass eine Mondreise bald im Programm der Reisebüros stehen würde. Dass sich auch 37 Jahre später kaum eine Hand voll superreicher Weltraumtouristen einen Ausflug ins All (und nicht einmal einen Mondspaziergang) leisten kann, ist für damalige Erwartungen sicher eine Enttäuschung. 16 Millionen Dollar zahlte Anousheh Ansari, um im September 2006 mit einer russischen Sojus-Kapsel zur Internationalen Raumstation ISS zu fliegen. Sie ist erst der vierte Weltraumtourist seit Dennis Tito 2001.

Die Missionen der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa seit den 70er-Jahren waren wissenschaftlich kaum weniger bedeutsam als die der Nasa oder der Russen. Doch es waren eben zumeist unbemannte Raumflüge. Die Sonde "Venus-Express", die nach 153 Tagen Reisezeit am 11. April 2006 in eine Umlaufbahn um die Venus eintrat, liefert großartige Bilder und wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Atmosphäre des heißen Nachbarplaneten, die auch für das Verständnis des Treibhauseffekts der Erde wichtig sein könnten - doch sie begeistert nicht und gibt keine historischen Zitate von sich.

2006 war ein Jahr, das nicht nur in Deutschland die Aufmerksamkeit für die Raumfahrt verstärkte. Die beiden Flüge amerikanischer Space-Shuttles weckten eher Angst um die Besatzungsmitglieder. Bei der Mission STS-121 im Juli, die auch Thomas Reiter auf die Internationale Raumstation ISS brachte, verspachtelte ein Astronaut die defekte Hitze-Isolierung der 23 Jahre alten "Discovery" in einem Außenbordeinsatz. Ein ähnlicher Defekt hatte 2003 zur Katastrophe der Columbia geführt.

Die Nasa richtet ihr Augenmerk aber kaum mehr auf die ISS, sondern auf neue Raumfahrzeuge, mit denen sie 2018 auf den Mond zurückkehren will. Dort soll eine Basisstation eingerichtet werden, von der aus dann eines Tages die ersten Menschen zum Mars aufbrechen sollen. Es werden sicher keine Europäer sein.

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