Tierfilm
Überladene Schönheit und tierische Stars

Der Dokumentarfilm „Unsere Erde“ wird von Klimaschutz-PR und übertriebenem technischen Aufwand erdrückt. Das beweißt vor allem eins: Der Mensch ist noch nicht soweit, die Schönheit der Tiere für sich sprechen zu lassen.

BERLIN. Und Gott der Herr erschuf die Tiere auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu den Filmemachern, dass er sähe, wie sie die Tiere inszenierten. Ein schönes Getümmel hat die Crew um den britischen Regisseur Alastair Fothergill („Deep Blue“) angerichtet. Dabei gingen sie tatsächlich vor, als handelten sie in göttlichem Auftrag: fünf Jahre Produktionszeit, mehr als 40 Kamerateams, Aufnahmen aus 26 Ländern, 1000 Stunden Filmmaterial, 250 Tage Luftaufnahmen, 45 Millionen Dollar Budget.

„Unsere Erde“ heißt das just in Deutschland angelaufene Werk, das perfekt stromlinienförmig auf der Wir-tun-was-gegen-den-Klimawandel-Welle schwimmt. Mit entsprechend viel Tamtam und Sigmar Gabriel wurde es in Berlin präsentiert.

Draußen chauffieren BMW-Wasserstofflimousinen mit „Clean Energy“-Aufschrift die Filmleute umher, drinnen erinnert der Umweltminister daran, wie zerbrechlich das Ökosystem der Erde ist. Er führt allerhand Tiere an, aus deren Enzymen lebensrettende Medikamente gewonnen werden. Interessant. Aber darum geht es im Film nicht. Hier geht es um die üblichen Lieblinge aus dem Apotheken-Kalender: Löwe, Affe, Zebra, Pinguin. Der Vollständigkeit halber läuft für wenige Sekunden eine Giraffe durchs Bild. Oder, wie es auf der Filmhomepage heißt: Elefant, Eisbär, Buckelwal und „andere Stars“.

Allzu viel Neues erfahren wir nicht: Löwen trauen sich dank ihrer überlegenen Sehstärke bei Nacht, einzelne Elefanten anzugreifen. Ein Buckelwal-Junges trinkt täglich 600 Liter Milch. Viel Wissen ist es nicht, das man nach 99 Minuten mit aus dem Kino nimmt. Macht aber nichts, schließlich gehe es hier um die „ehrliche Betroffenheit“, wie Gastredner Eberhard Brandes, Geschäftsführer des WWF Deutschland, sagt. Und ehrlich: Die Tiere sind anmutig, bedrohlich, putzig, elegant und schön.

Doch der Film beweist, dass der Mensch noch nicht so weit ist, diese Schönheit für sich sprechen zu lassen. Überall wird der Betroffenheit auf menschliche Weise nachgeholfen: Die Berliner Symphoniker müssen ein dramatisches Crescendo spielen, wenn die Büffel nach langer Wanderschaft das Okavango-Delta erreichen, Bäume kriegen in Sekunden Blätter, die gleich wieder abfallen, Schneeglöckchen erwachen vor der akustischen Kulisse eines Glockenspiels zum Leben. Unwirkliches Eisschollen-Geknirsche und Unterwasser-Geblubber ertönt, wenn der sympathische Eisbär einzubrechen droht, in Zeitlupe kommt der Weiße Hai aus dem Wasser und zerfetzt die Pelzrobbe in der Luft. Wiederholung, Tusch.

Der Film erinnert an eine Power-Point-Präsentation, die versucht, alle technischen Möglichkeiten auf zehn Folien unterzubringen. Dabei sehen wir die Tiere meist schön von oben herab aus allen möglichen Flug-Vehikeln. Der Mensch steht eben doch über dem Tier. Dabei ist „Unsere Erde“ ein atemberaubender Tierfilm mit spektakulären Aufnahmen. Es ist zutiefst beeindruckend, wie die Filmer so dicht rangekommen sind, dorthin, wo der Mensch eigentlich nichts verloren hat. Die Balztänze der Paradies-Vögel sind wirklich urkomisch, die Nachtszenen, in denen die Löwen den Elefant attackieren, unbeschreiblich.

Man hätte es dabei belassen sollen. Das hätte die Arbeit Fothergills und seiner Leute nicht im Geringsten geschmälert. Das Rettet-die-Erde-Gedöns, das der Film aufgeladen bekommt, zieht ihn nach unten.

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