Toilettenpapierforschung bei Procter & Gamble
Klopapier: Sind Sie Knüller oder Falter?

Ob jemand sein Toilettenpapier faltet oder knüllt, wie viele Lagen er bevorzugt und welche Farben er mag - für die Produktentwickler beim Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (P&G) sind das entscheidende Fragen.

HB SCHWALBACH. „Wenn jemand ein Knüller ist, möchte er lieber ein dünneres, aber dafür extrem weiches Papier haben“, sagt Siegfried Hustedt. Der Physiker arbeitet im P&G-Forschungszentrum in Schwalbach bei Frankfurt an neuen Klopapier-Varianten. So versucht die Firma, die Ende Januar die Übernahme des Konsumgüterkonzerns Gillette angekündigt hat und für Marken wie „Tempo“ und „Pampers“ bekannt ist, ihre Anteile auf dem Toilettenpapier-Markt weiter auszubauen.

Mehr als 85 Sorten Klopapier füllen die Regale in deutschen Geschäften. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts AC Nielsen lag der Umsatz im Jahr 2004 bei rund 780 Millionen Euro (ohne Aldi). Ein Drittel des Papiers sind Markenprodukte, zwei Drittel günstige Handelsmarken. Das spiegelt sich im Kaufverhalten wider: Laut einer Marktanalyse des Verlags Gruner + Jahr achteten im Jahr 2003 fast 70 Prozent der Befragten vor allem auf den Preis, und nur 26 Prozent auf Qualität und Marke. Rund vier Prozent kauften überraschenderweise kein Klopapier.

Zugleich wächst das Bedürfnis nach besserem Toilettenpapier. So nimmt die Nachfrage nach drei- und vierlagigem Papier seit Jahren zu. Inzwischen ist sogar fünflagiges auf dem Markt. „Der Trend geht ganz klar zu besseren Produkten“, sagt Forscher Hustedt. Um sich von den Handelsmarken abzugrenzen, investieren Markenhersteller viel Geld in Innovationen. Bei P&G flossen im vergangenen Jahr 3,5 Prozent des Umsatzes von 51,4 Milliarden Dollar in die Forschung. Klopapier macht dabei allerdings nur einen kleinen Teil davon aus.

Spezielle Struktur beim Charmin mit dem Bären-Logo

Der Physiker Hustedt und seine Kollegen testen in den Schwalbacher Laboren mit Hilfe von Maschinen, wie weich, reißfest, dehnbar und saugfähig Papiere sind und wie gut sie reinigen. Die Inhaltsstoffe werden analysiert und auf Verträglichkeit geprüft. Außerdem machen sich die Klopapierforscher Gedanken über die Gewohnheiten auf dem stillen Örtchen, überlegen etwa, ob sich Pastelltöne oder kräftige Farben besser verkaufen lassen, und sprechen mit Verbrauchern. Während zum Beispiel die meisten Amerikaner das Papier zu Kugeln ballen, sind mehr als 90 Prozent der Deutschen Falter: Sie legen die Blättchen zusammen, bevor sie ihren Allerwertesten reinigen. Dafür muss das Papier dick und reißfest sein. „Sonst kommt der Finger durch, und man hat das „Produkt“ auf der Hand. Das möchte jeder vermeiden“, sagt Hustedt. Gleichzeitig solle das Papier aber auch weich sein.

Weichheit versus Reißfestigkeit - das ist das Dilemma bei Klopapier. Grund dafür ist die Feuchtigkeit. Sie zerstört die Vernetzung der Papierfasern. Dabei gilt: Je weicher die Fasern, desto leichter gehen sie kaputt.

Die Forscher von P&G haben einen Ausweg aus dem Dilemma gesucht. 2002 brachte die Firma, bis dahin nur mit dem „Bess“ auf dem Klopapiermarkt vertreten, ein neues Papier heraus. Mit „Charmin“ eroberte der Konzern in Deutschland einen Marktanteil von rund fünf Prozent und liegt damit bei den Markenprodukten auf Platz drei nach „Zewa“ und „Hakle“.

„Charmin“, beworben mit einem Bären-Logo, hat eine spezielle Struktur. Die Noppen und Rillen werden nicht wie üblich nachträglich aufgeprägt, sondern entstehen bereits während des Trocknens des Zellstoffs. Zusätzlich wird die Struktur mit Hilfe eines Mittels gefestigt. Das Papier wird so bei Nässe reißfester. Beim Spülen löst es sich nach und nach auf.

Die Erfindung, die sich P&G hat patentieren lassen, ist aber nach Ansicht von Hustedt nicht das Ende der Klopapierentwicklung. So ließen sich zum Beispiel Herstellungskosten reduzieren und Klopapiere noch weicher machen. Für die ferne Zukunft hat der Produktentwickler eine Vision: „Idealerweise brauche ich nur ein Blatt zur Reinigung.“ Wegen des geringen Verbrauchs wäre ein solches Papier besonders umweltfreundlich.

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