„Tomas“ rast heran
Haiti zwischen Wirbelsturm und Totentanz

Haiti erwartet mit Wirbelsturm "Tomas" eine weitere Katastrophe, die die ohnehin dramatische Lage des von Erdbeben und Cholera gebeutelten Landes weiter verschärfen dürfte. Dabei hat in weiten Teilendes Landes gerade erst wieder so etwas wie Normalität Einzug gehalten.
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HB PORT-AU-PRINCE. Nach dem Erdbeben von Januar diesen Jahres und der sich immer stärker ausbreitenden Cholera, durch die nach lokalen Medienberichten bereits 440 Menschen ums Leben kamen, droht Haiti nun ein neues Unglück in Form des Wirbelsturms "Tomas". Der sich über der Karibik ausbreitende Sturm wird nach Angaben des US-Hurrikanzentrums Miami voraussichtlich am Freitag Haiti erreichen.

Nothilfeexperte Axel Schmidt von der auf HaitiI tätigen Hilfsorganisation Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) schätzt die Lage kritisch ein: "Wir befürchten, dass sich die humanitäre Situation durch den Hurrikan dramatisch verschlechtern wird. Zehntausende Familien leben seit dem Erdbeben vom Januar in provisorischen Lagern. Sie sind dem Sturm nahezu schutzlos ausgeliefert". Der Sturm führe große Regenmengen mit sich, daher seien nicht nur Verwüstungen zu erwarten, sondern auch Erdrutsche und Überschwemmungen.

Der ASB trifft Vorkehrungen, um die beim Wiederaufbau errichteten Übergangshäuser vor Sturmschäden zu sichern. Auch in Kuba, dessen äußerster Osten von dem Sturm betroffen sein wird, in Jamaika und im westlichen Teil der Dominikanischen Republik wurde Sturmalarm ausgelöst.

Doch auch von der nach wie vor dramatischen Lage im Land - die Folgen des katastrophalen Erdbebens Anfang des Jahres mit mehr als 220 000 Toten sind noch lange nicht beseitigt- und den düsteren Aussichten auf den herannahenden Wirbelsturm lassen sich die Haitianer nicht davon abhalten, ihre traditionellen Tauerfeiern durchzuführen: Erstmals nach dem großen Erdbeben begingen die Bewohner Allerheiligen und Allerseelen - und da wird in ganz Haiti gefeiert und nicht getrauert. Jugendgruppen ziehen zu Tausenden tanzend, singend und schwitzend durch die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince.

Und das war auch in diesem Jahr so. Anfang der Woche strömten die Haitianer wie jedes Jahr auf die Friedhöfe, zu ihren Toten, um den Traditionen entsprechend auf den Gräbern zu tanzen. Doch niemand kam auf die Idee, zu dem wohl größten Massengrab Amerikas vor den Toren von Port-au-Prince zu gehen. Nördlich der Hauptstadt waren in den ersten Wochen nach dem Beben Zehntausende Leichen verschüttet worden.

Die letzte Ruhestätte für die 70 000 Leichen der Erdbebenopfer blieb unberührt von den Feierlichkeiten. An die Toten erinnern nur zwei Kreuze, das Gelände ist bereits zum Großteil verwildert und wird teilweise als Müllhalde genutzt. Es wurde sogar eine Lizenz an eine Baufirma verkauft, damit diese dort Sand und Kies abbauen kann. Als die ahnungslosen Arbeiter jedoch Gebeine im Material fanden, stellten sie unverzüglich alle Arbeiten ein.

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