Tourismus in Tibet
Nächste Ausfahrt: Dach der Welt

Für Chinas Zentralregierung ist Tibet vor allem: teuer. Geld sollen nun Touristenmassen bringen. Für sie lässt Peking Autobahnen bauen, neue Gleise verlegen und Luxushotels hochziehen. Die tibetische Kultur ist bedroht.
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LhasaFlackernde Straßenlaternen tauchen den Platz in orangefarbenes Licht, in der Luft liegt der süßliche Geruch von Salbaum-Harz. Langsam umhüllt das graue Räuchermittel die Pilger. Doch dafür hat Ge San keinen Sinn, er ist in sein Gebet vertieft. Er hebt seine Hände in die Luft, berührt Stirn, Hals, Brust, wirft sich schließlich auf den Boden und streckt seine Arme nach vorne.

Ein Dutzend Pilger tut es ihm gleich. Immer wieder werfen sie sich auf den Boden. Ihre Hände haben sie auf kleine Plastikschalen gestützt, damit sie sich nicht auf dem Steinboden wund scheuern. Das Schleifen des Plastiks über den Stein verstetigt sich zu einem geschäftigen Rhythmus.

Es sind die frühen Morgenstunden in Lhasa, dem Zentrum des tibetischen Buddhismus. Und es ist die Zeit, in der Ge San sich in sich versenken kann, im Gebet am Tempel an der Tausend-Buddha-Klippe am Hügel des Medizinkönigs. „Um sechs Uhr schläft die Stadt noch. Dann sind noch keine Touristen und nur wir Gläubigen unterwegs“, sagt er.

Ge Sans Gesicht ist von Sonne und Wind gegerbt. Seine Hände sind von Hornhaut überzogen, grauer Staub hat sich über seine Outdoor-Jacke gelegt. „Unser Leben hat sich sehr verbessert“, sagt der 53-Jährige. Die Zentralregierung in Peking stecke viel Geld in den Ausbau der Stadt. In Lhasa ließe sich mittlerweile alles erwerben, was man mit Geld bezahlen könne. „Nur mit der Religion…“, setzt er an und blickt vorsichtig über seine Schulter.

Direkt neben der Tempelanlage, südwestlich des Potala-Palastes, liegt eine Polizeistation. Eine blaue und eine rote Warnleute am Eingang geben ein pulsierendes, grelles Licht ab. Doch die Büros sind dunkel, die Beamten scheinen noch nicht mit der Arbeit begonnen zu haben. Trotzdem senkt Ge San die Stimme: „Sie lassen uns mehr Freiheiten, aber man weiß ja nie.“

Tibet soll ein Aushängeschild der Volksrepublik China werden. So will es die Zentralregierung in Peking. Präsident Xi Jinping hat den Ausbau des Hochlandes bis zum Jahr 2020 zum internationalen Touristenmagneten gefordert. Das soll den Tibetern Reichtum bringen. Und es soll Peking entlasten.

„Sie lassen uns mehr Freiheiten“

Denn Tibet ist bislang für Peking vor allem eins: teuer. 90 Prozent der Staatsausgaben in Tibet fließen laut Pekinger Statistikamt in einer Art chinesischem Länderfinanzausgleich aus den reichen Küstenprovinzen in das entlegene Hochland. Das ist auch strategisch wichtig: Zentral-Tibet, von Peking das „Autonome Gebiet Tibet“ genannt, macht mit fast 1.300.000 Quadratkilometern etwa 13 Prozent der Fläche Chinas aus.

Touristen sollen Geld zum „Dach der Welt“ bringen. Den Anspruch will die Provinzregierung mit einem Pressegespräch und einer Tourismusmesse festigen. Dazu hat sie in das neu gebaute „Intercontinental Lhasa Paradise“ eingeladen. Wie fünf ineinander verschachtelte Pyramiden ragen die Flügel des Hotelkomplexes aus dem Boden. Unter dem Glasdach in der Empfangshalle ist eine Häuserlandschaft errichtet, die dem Potala-Palast nachempfunden ist.

In einem Konferenzraum empfängt Tibets Vizegouverneur Bianba Zhaxi. An der Wand hängen zwei überdimensionale Bilder von Xi, einmal der Staatspräsident umringt von Mao und dessen Nachfolgern, unter dem zweiten steht: „Die Herzen des Vorsitzenden Xi Jinping und der Völker in Tibet sind verbunden.“ Der Xi auf den Gemälden schaut auf den Tibeter Bianba Zhaxi herab, hat ihn stets im Blick.

Kaum hat Bianba Zhaxi in dem mit heller Seide bespannten Sessel Platz genommen, beginnt er einen Monolog. „Tibet ist seit jeher ein untrennbarer Teil Chinas“, sagt er, es ist die seit Jahrzehnten von Peking beschworene Lesart der tibetischen Geschichte. Seine Regierung unternehme viel, um den Lebensstandard der Tibeter zu verbessern. Im Gegensatz zu den Menschen im Rest des Landes hätten die Tibeter Zugang zu einer kostenlosen Gesundheitsversorgung. Tourismus werde ihnen in den nächsten Jahren noch mehr Reichtum bringen.

Bianba Zhaxi spricht und spricht. Mal in zarten, hohen Tönen, mal mit mahnend brummender Stimme. Nach 70 Minuten schaut er auf die Uhr. „Wir sind hier ja in großer Höhe. Da wollte ich nicht, dass Sie kostbaren Sauerstoff für Nachfragen verschwenden müssen“, sagt er plötzlich. Nun müssten wir uns selbst von den beeindruckenden Tourismusattraktionen der Stadt überzeugen.

Die Mittagssonne lässt den Jokhang Tempel in gleißendem Licht erstrahlen. Die goldenen Dächer in3 650 Meter Höhe reflektieren die Sonne. Es ist das bedeutendste Heiligtum der tibetischen Buddhisten. Mindestens einmal im Leben soll sich jeder Gläubige dorthin aufmachen. Dutzende Touristengruppen von Han-Chinesen schieben sich durch die engen Gänge der Anlage.

Es schleichen auch ruhig betende Pilger vorbei. Unter ihnen ist auch eine 34-Jährige, angereist aus Shigatse, 280 Kilometer südwestlich von Lhasa. „Früher mussten wir viele Kontrollen passieren, um nach Lhasa zu kommen. Heute geht das einfacherer“, sagt sie. Doch ihre tibetischen Verwandten in anderen Teilen Chinas hätten immer wieder Probleme, nach Tibet zu reisen. „Das ist unfair. Chinesische Touristen brauchen keine Papiere, um nach Tibet zu reisen“, sagt sie.

Massentourismus ist das neue Schlagwort der Verwaltung in Lhasa. In einem schmucklosen Betonbau in der Innenstadt hat die staatliche Förderkommission für den Tourismus in Tibet ihre Hauptsitz, sie arbeitet den Masterplan für die chinesische Initiative aus. Vizedirektor Wang Songping erwartet die Gäste im kahlen Konferenzraum, statt Tee wird heißes Wasser gereicht. „Vor dem Bau der ersten Eisenbahnstrecke nach Lhasa zog Tibet vier Millionen Touristen im Jahr an. In diesem Jahr erwarten wir 24 Millionen. Bis zum Jahr 2020 sollen es 35 Millionen sein“, betet er die Zahlen herunter. 35 Millionen – das wäre das Zehnfache der Bevölkerung von Zentral-Tibet.

Bis zu zehn internationale Fünf-Sterne-Luxushotels sollen in vier Jahren in Lhasa stehen. „Tourismus soll mehr als 25 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen“, beschreibt Wang den Plan. Das würde Tibet zu einer der weltweit am stärksten von Tourismus abhängigen Regionen der Welt machen. Die Einnahmen der Reisebranche sollen von derzeit 20 Milliarden Yuan (knapp drei Milliarden Euro) auf 50 Milliarden Yuan (fast sieben Milliarden Euro) steigen.

Chronik - Wie um Tibet gestritten wird

China ist ein Vielvölkerstaat. Das Land zählt offiziell 55 ethnische Minderheiten. Doch anders als in der ehemaligen Sowjetunion machen diese gerade mal acht Prozent der Bevölkerung aus. Fast überall dominieren die Han-Chinesen. Tibet bildet eine der wenigen Ausnahmen. Sie machen rund 90 Prozent der knapp 3,5 Millionen Einwohner auf dem Hochplateau aus. Die Region ist aus Sicht von Peking „autonom“. Um die Selbstbestimmung der Tibeter wird seit Jahrzenten gestritten. Ein Überblick:

  1. 1912

    Nach dem Sturz der Qing-Dynastie in Peking werden die chinesischen Truppen aus Lhasa vertrieben, der 13. Dalai Lama erklärt die Unabhängigkeit, Tibet regiert sich bis 1950 selbst

  2. 1935

    Am 6. Juli wird der 14. Dalai Lama geboren

  3. 1949

    Gründung der Volksrepublik China durch Mao Tsetung

  4. 1950

    Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Tibet

  5. 1951

    In einem 17-Punkte-Abkommen geben tibetische Vertreter unter Druck die Unabhängigkeit auf, bekommen Autonomie zugestanden

  6. September 1951

    Im September trifft die Volksbefreiungsarmee in Lhasa ein

  7. 1954

    Dalai Lama besucht Peking

  8. 1959

    Am 10. März beginnt ein Volksaufstand gegen die Chinesen in Lhasa, am 17. März flüchtet der Dalai Lama nach Indien. In der Folge werden viele Klöster und Tempel zerstört

  9. 1965

    China gründet die Autonome Region Tibet in der Hälfte des tibetischen Siedlungsgebietes, der Rest des alten Tibets wird chinesischen Nachbarprovinzen zugeschlagen

  10. 1966

    Kulturrevolution beginnt, weitere Zerstörung von verbliebenen Tempeln und Klöstern, Kollektivierung der Landwirtschaft

  11. 1976

    Tod von Mao Tsetung, Ende der Kulturrevolution

  12. 1979

    Langsame Liberalisierung und Öffnung Tibets

  13. 1980

    Besuch von Parteichef Hu Yaobang in Tibet

  14. 1985

    Öffnung für Massentourismus

  15. 1987

    Unruhen in Lhasa und Shigatse

  16. 1989

    Blutige Niederschlagung von Protesten in Tibet unter Hu Jintao, dem heutigen Staats- und Parteichef Chinas

  17. 2002

    Aufnahme des Dialogs der chinesischen Regierung mit Vertretern des Dalai Lama, der bis heute ohne Ergebnis bleibt

  18. 2008

    Nach gewalttätigen Ausschreitungen gegen Chinesen am 14. März in Lhasa breiten sich Proteste in andere tibetische Regionen aus. Der Aufstand wird niedergeschlagen. Viele Tibeter kommen in Haft. Tibet wird für ausländische Journalisten gesperrt

Noch machen Han-Chinesen 95 Prozent der Besucher aus. In Zukunft will die Regierung aber auch mehr internationale Touristen anlocken, insbesondere zahlungskräftige Reisende aus Europa und Nordamerika. „Wir bereiten eine Werbetour in Großbritannien vor. Nach Deutschland fahren wir vielleicht auch“, kündigt Wang an. Für Europäer sind Reisen nach Tibet nicht einfach. Bislang brauchen internationale Touristen eine spezielle Einreisegenehmigung und dürften sich nicht frei bewegen, sondern müssen sich von einem staatlich autorisierten Reiseleiter begleiten lassen. Die Regierung arbeite daran, die Verfahren zu erleichtern, sagt Wang.

Was bei Wang verheißungsvoll klingt, erweckt Tausende Kilometer entfernt Besorgnis. Tourismus berge Gefahren für Tibet, warnt Sebastian Heilmann, Direktor des Berliner Thinktanks Mercator Institute for China Studies: „Die Kommerzialisierung bringt Anpassung und Vereinheitlichung, wie sie nicht durch Polizeimaßnahmen zu erreichen ist“, sagt er. „Massentourismus hat das Potenzial, die Besonderheiten der tibetischen Kultur einzuebnen oder gar zu beseitigen.“ In Tibet prallen Weltanschauungen aufeinander. „Gläubigen Tibetern ist das Jenseitige existenziell wichtig. Die meisten Han-Chinesen konzentrieren sich auf das Diesseitige, Materielle“, sagt Heilmann. „Der Kontrast in der Sicht auf das, was im Leben wichtig ist, könnte schärfer kaum sein.“

Die Bilder sind bekannt: 2008 hatten tibetische Mönche für mehr Unabhängigkeit und eine Rückkehr des Dalai Lamas protestiert, das geistige Oberhaupt der tibetischen Buddhisten lebt seit 1959 in Indien im Exil. Aus Demonstrationen in Lhasa wurden Unruhen zwischen Tibetern und Han-Chinesen, die eskalierten. Tibetische Mönche zündeten sich aus Protest selbst an, im Jahr 2012 sogar direkt vor dem Jokhang Tempel. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete im Mai, chinesische Sicherheitskräfte hätten ihre Kontrolle über das tägliche Leben in Tibet ausgeweitet, würden jegliche Form auch friedlichen Protests unterdrücken.

Bianba Zhaxi kennt die Kritik. Doch er tut sie als haltlos ab. Die Provinzregierung will mit einem Modelldorf zeigen, wie harmonisch der Massentourismus in Tibet aussehen kann. Die lokale Kultur soll geschützt werden, Tibeter sollen am wirtschaftlichen Aufstieg teilhaben. Dafür geht es mit dem Bus von Lhasa zunächst in das 400 Kilometer östlich gelegene Nyingchi, elf Stunden auf holprigen Straßen.

Autobahn in die Zukunft

Doch neben der bröckelnden Fahrbahn zimmern Arbeiter bereits an der Zukunft. Eine Autobahn und eine neue Zugverbindung sollen die Fahrzeit enorm verkürzen. Die Straße soll 2017 eröffnet werden, die Schnellzugverbindung 2021. Und ein Jahr darauf soll die Eisenbahn bis ins zentralchinesische Chengdu rollen, die Hauptstadt der 80-Millionen-Einwohner-Provinz Sichuan.

In den Bergen um Nyingchi liegt der Ort Lulang. Das Dorf soll ein Touristenziel der Extraklasse werden, Staatsmedien preisen die Region als „die Schweiz Tibets“. Dichte Wälder gehen in saftige Wiesen über, daneben ein großer See. Die alten Häuser in der Innenstadt sind modernen Gebäudekomplexen gewichen, eine Einkaufsstraße wird von einem Kunstzentrum und einer Schule flankiert.

„Wir haben die Stufen an der Schule extra niedrig angelegt, damit die Kinder in der großen Höhe hier nicht viel Sauerstoff für das Treppensteigen verbrauchen“, erklärt eine Mitarbeiterin des Immobilienkonsortiums, das das Projekt betreut.

Auf einem Hügel mit Panoramablick über den See entsteht das Luxushotel Artel Palace, finanziert vom staatlichen Konglomerat Poly Group. „Wir sehen das als vielversprechendes Investment“, erklärt Hotelmanager Winston Li. 280 Million Yuan, fast 40 Millionen Euro, habe man ausgegeben.

Vor dem Dorf, auf einer provisorischen Anlage, stehen Restaurants – sie werden ins Zentrum ziehen, sobald die neuen Gebäude stehen. Auf großen Plakaten preisen sie regionale Gerichte an: scharfe Nudeln aus Lanzhou, Peking-Ente und Fischgerichte aus Sichuan. Es ist die regionale Küche der Han-Chinesen.

Auf den Tischen eines Restaurants türmen sich jetzt Teller, Schüsseln und Essensreste, gerade war eine Touristengruppe zu Gast. Eine 24-jährige Kellnerin räumt ab und erzählt: „In keinem der Restaurants gibt es tibetisches Essen. Nur ein Geschäft wird von einem Mann aus Tibet betrieben.“ Sie sei für die Arbeit hier und vermisse das einfache Leben auf dem Dorf bei ihrer Familie. „Ich verstehe viele Chinesen nicht. Sie fahren Tausende Kilometer, um hierher zu kommen. Und dann bauen sie eine Stadt auf, mit chinesischen Hotels und chinesischem Essen. Das könnten sie doch auch überall in China haben.“

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China

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