„Tourismusbremse“
Helgoland bangt um Börteboote

Seit 1952 sind die liebevoll „Nussschalen“ genannten Börteboote im Einsatz. Die wackligen Neuntonner haben seit dem in etwa 45 Millionen Menschen genutzt, um auf die Insel und wieder zurück zu gelangen. Nun mehren sich stimmen, die mit der Tradition brechen wollen.

HB HELGOLAND. Vier kräftige, in orangefarbene Regenjacken gehüllte Matrosen greifen den Schiffspassagieren kräftig unter die Arme. Während die graue Nordsee unruhig hin- und herschwappt, nehmen sie Omas, Opas, Babys im Kinderwagen, Koffer und ein Surfbrett an der Schiffstür der „Lady von Büsum“ in Empfang. Gäste und Gepäck werden ruckzuck in ein kleines Boot mit Namen „Seeadler“ verfrachtet. Der Schritt vom Schiff ins Boot ist bei Sturm und Regen kein leichtes Unterfangen. „Kommen Se her, junge Dame, ich halt' Se fest.“ Die junge Dame ist geschätzte siebzig Jahre alt und froh über die muskulöse Hilfe. „Alle Mann festhalten, wir legen ab.“ Die Seile werden gelöst, und mit dem grün-weiß-roten Bötchen geht es Richtung Roter Felsen, zu Deutschlands einziger Hochseeinsel.

Was Helgoland-Neulingen wie eine Rettungsaktion vorkommt, ist der ganze Stolz der Insel: Das Ausbooten der Touristen mit den kleinen Börtebooten. Einigen silberhaarigen Rentnern sieht man an, dass sie froh sind, wenn diese wacklige Prozedur überstanden ist. Weil der Hafen zum Anlegen für die großen Seebäderschiffe zu klein ist, gibt es diesen in Deutschland einmaligen, anachronistisch anmutenden Pendelverkehr. 45 Millionen Menschen haben die „Nussschalen“ seit der Wiederbesiedlung Helgolands 1952 benutzt. Die neun Tonnen schweren Eichenboote sind der VW-Käfer Helgolands - sie fahren und fahren und fahren. Aber nicht jeder steht auf dieses maritime Abenteuer. Jetzt mehren sich Stimmen, die die Börteboote als Tourismusbremse sehen.

Es sind Stimmen wie die von Detlev Rickmers, er betreibt auf der Insel mit dem roten Felsen das Hotel Insulaner. „Mein Herz hängt an der Börte“, sagt er. „Aber wir müssen uns auch eingestehen, dass das Ausbooten ältere oder behinderte Touristen manchmal abschreckt“, sagt er. Die Zukunft der Börte müsse rasch geklärt werden, da die Reedereien bei den Modernisierungen ihrer Schiffe und bei Neuanschaffungen ihre Planungen darauf ausrichten.

Ein anderer Mann, der anonym bleiben will, mischt sich in die Diskussion um die Zukunft der Börteboote ein: „Mit festen Anlegeplätzen für die Schiffe könnten die Tagestouristen eine Stunde länger auf der Insel bleiben, gerade Restaurants würden viel mehr Geld einnehmen.“ Er bedauert eine „Glorifizierung der Börteboote“ und starke Beharrungsmechanismen. Gerade der hohe Altersdurchschnitt der Touristen verlange ein Umdenken. Regen peitscht über die Helgoländer Landungsbrücke. Die Büste des Dichters Hoffmann von Fallersleben, der auf der Insel 1841 das Lied der Deutschen schrieb, blickt am Eingang zum Hafen mitten auf eine große Pfütze.

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