Trag es wie ein Mann - Vom Umgang mit der Niederlage
Sieger grinsen - Verlierer lächeln

Mit Anstand zu verlieren ist nicht leicht; leichter aber, als mit Anstand zu gewinnen. Ob als Unternehmer oder als Politiker, ob als Sportler oder als Künstler – Sieger wird einer umso wahrscheinlicher, je lästiger wir ihn fänden, wenn er mit uns ein Zimmer teilte.

Ziemlich alle, die es an die Spitze bringen, sind von Ehrgeiz besessene Egozentriker, Ausbeuter ihrer Mitmenschen wie Richard Wagner, arrogante Einzelgänger wie Thomas Mann, für Feinde und Freunde gleich gefährlich wie Konrad Adenauer, großmäulige Selbstdarsteller wie Cassius Clay alias Muhammed Ali in seiner großen Zeit; und dieser oder jener Wirtschaftsführer lässt sich aus solchen Elementen mühelos zusammensetzen.

Daraus folgt noch nicht, dass ihr Gegenpol, die Verlierer, durchweg angenehme Zeitgenossen wären. Vielleicht hatte ja ein Betrug ihnen den Weg nach oben geebnet, so dass ihr Absturz nur recht und billig war: wie bei dem Baulöwen Jürgen Schneider, dem es gelang, bei mehr als fünfzig Banken insgesamt 5,5 Milliarden Mark an Krediten zu ergaunern. Seine Popularität als Verlierer wurde freilich rasch von der des Chefs der Deutschen Bank übertroffen, Hilmar Kopper, weil der die provokante Dummheit beging, Schneiders unbezahlte Handwerker-Rechnungen über mehr als 50 Millionen Mark öffentlich als „peanuts“ zu bezeichnen.

Auch wenn sie sich an die Gesetze halten, sind manche Verlierer nicht leichter als die Sieger zu ertragen: unterlegene Kanzlerkandidaten beispielsweise wie Franz Josef Strauß – und überhaupt alle jene, die mit genauso harten Bandagen gekämpft hatten und über genauso viele Leichen gegangen waren wie der, der sie besiegte.

Bei weniger rüden Kämpfern mündet eine finale Niederlage oft in stille Verbitterung. Bei denen etwa, die aus dem Erfolg unversehens in die Pleite stolperten wie 1961 der Autobauer Carl F. W. Borgward, 1962 der Schiffbauer Willy Schlieker, 1977 Josef Neckermann, 1984 Max Grundig. Erst recht bei solchen, die sich betrogen fühlen: Rainer Barzel wandelt seit 32 Jahren als lebender Vorwurf durch die deutsche Politik, seit die Stasi und die SPD ihn 1972 durch zwei gekaufte Stimmen daran hinderten, zum deutschen Bundeskanzler gewählt zu werden. Die österreichische Physikerin Lise Meitner hat es ihrem Forschungspartner Otto Hahn nie verziehen, dass 1946 nur er den Nobelpreis für die Spaltung des Atoms kassierte, obwohl sie es war, die ihm und der Fachwelt hatte erklären müssen, welche Entdeckung ihm da zufällig gelungen war. Und Millionen unserer Mitmenschen leiden ihr Leben lang, weil sie sich bei Beförderungen zu Unrecht übergangen fühlen.

Leidet eigentlich Gorbatschow? Er hat den merkwürdigsten Weg zurückgelegt zwischen Triumph und Verachtung. Die Völker Osteuropas hat er befreit und möglicherweise der Welt den Atomkrieg erspart – dafür bewundert ihn der Westen. Aber in den Augen der meisten Russen ist er ein Verlierer, denn zwischen den Fingern ist ihm das Imperium zerronnen, das die Zaren und Stalin zusammengeraubt hatten, und mit 0,5 Prozent der Stimmen straften die Russen ihn ab, als er 1996 bei der Wahl zum Präsidenten kandidierte. Auch im Westen macht er keine imposante Figur, seit er sich unermüdlich als Vortragsredner, Staffage für festliche Empfänge, Gast bei „Wetten, dass…?“ und Präsident der wohlmeinenden und nichts sagenden Stiftung „Grünes Kreuz“ betätigt.

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