Trauben in der Kiste
Wein aus der Aluminiumblase

Gut zu transportieren, umweltfreundlich und billiger als in der Flasche. Seit 50 Jahren gibt es in Australien Wein aus dem Alubeutel. Doch nicht jeder ist davon so begeistert wie Handelsblatt-Korrespondent Urs Wälterlin.
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Canberra Erst ein „Pop”, wenn ich den ausgestanzten Kreis im Karton eindrücke. Dann suche ich den Plastikstutzen. Mit zwei Fingern wühle ich im prall gefüllten Aluminiumbeutel, blind, bis ich den Noppen finde. Dann der Ton, auf den ich gewartet habe: Wein fließt ins Glas. Oder in die Karaffe, wenn’s was zu feiern gibt.

Es ist ein fast sinnlicher Moment. So, wie sich der Käufer eines neuen Autos am „Neu“- Geruch aus Plastik und Polieröl freut, so spürt der Weintrinker bei jedem „Pop“ eines neuen Kartons einen Moment des Entzückens.

Der Kastenwein. Eine Kartonschachtel, drin eine Art Blase, aus Aluminium, verstärkt mit Plastikfolie. Daran hängt ein Auslassstutzen. Entweder in der Zweiliter-Ausführung für noblere Weine, oder als Fünfliter-Spezial für den billigeren Tropfen. Zwei dieser Kisten stehen bei uns in der Vorratskammer.

Kaum eine australische Erfindung sorgt im Volk gleichzeitig für so viel Leidenschaft und Freude auf der einen oder Abscheu auf der anderen Seite, wie der Wein aus dem Aluminiumbeutel. Im Gegensatz zum Flugschreiber, oder zum WLAN – beides auch australische Erfindungen – liebt man ihn, oder man verabscheut ihn. Meine Frau Christine hasst ihn. Ich liebe ihn. Und das kann Ärger geben.

50 Jahre ist sie eben geworden, die Billigpackung für Wein. Die Idee hatte ein Winzer namens Tom Angrove. Seither führt der Kistenwein einen Siegeszug durch Küchen und Restaurants. Noch vor 20 Jahren hätten sich den Wirten die Zehennägel gerollt beim Gedanken, Offenwein aus dem Alubeutel anzubieten. Doch die Zeiten sind vorbei, in denen nur Fusel so verkauft wurde. Heute findet man Wein von bester Qualität in der Schachtel. Viel billiger als in der Flasche, aber genauso gut.

Das sage mal einer Christine. Meine Frau besteht darauf, dass ihr gelegentliches Glas Weißwein aus der Flasche kommt. Man schmecke einfach den Unterschied, behauptet sie. Ich habe längst aufgegeben, mit ihr zu streiten. Nicht aber, bevor ich den Test machte. Den Test. In einem ruhigen Moment füllte ich Wein aus der Kiste in eine ihrer leeren Flaschen. Die stellte ich dann in den Eisschrank.

„Siehst Du“, sagte Christine, als wir an diesem Abend die Gläser klirren ließen. „Aus der Flasche schmeckt er eben doch besser“. So gut hatte mir ein Glas Wein noch nie gemundet.

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent

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  • Das sind keine "Alubeutel": Einmal ist Alufolie mechanisch viel zu empfindlich, wie jede Hausfrau weiß. Außerdem würde Aluminium von der Säure im Wein angegriffen und der Wein so ungenießbar. Wer schon mal Aluminium-Essgeschirr benutzt hat, wird mir zustimmen.

    Vielmehr handelt es sich um Kunststoffbeutel, die außen mit einer dünnen (Licht-) Schutzschicht versehen sind.

    Wir haben je einen Weißwein- und einen Rotweinschlauch im Keller stehen. Völlig unabhängig vom Preis ist das sehr komfortabel: Man kann genau so viel Wein zapfen, wie (Soßen-) Rezept oder Appetit erfordern. So muss selbst der Junggeselle auf das Glas Rotwein zu seinen Spaghetti nicht mehr verzichten.

    Man sollte aber Karaffen zum Kühlen haben, denn im Sommer ist vor allem der Weißwein direkt aus dem Keller zu warm. Den ganzen Karton bekommt aber kaum jemand in den Kühlschrank.

    Im Kunststoffbeutel kommt keine Luft an den Wein, er kann also nicht oxidieren. Anders als bei einer angebrochenen Flasche Wein hat man also länger Zeit, das Gebinde zu leeren. Aus einer angebrochenen Flasche schmeckt Rotwein vielleicht noch am nächsten Tag. Aber Weißwein taugt dann bestenfalls noch zum Kochen.

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