Traum aller Oldtimer-Fetischisten
Tausend Meilen Mythos

Am 22. Mai startet zum 21. Mal die berühmteste Oldtimer-Rallye der Welt: Bei der Mille Miglia storica kurven Top-Manager, Show-Größen und Rennsport-Veteranen drei Tage lang durch Norditalien. Und Millionen Fans aus aller Welt träumen mit.

Die Rennsportsensation des Jahres 1954 hieß nicht „Roter Hai“ oder „Silberpfeil“ – sondern „Tapferle“. Es war kein auf Stromlinie geprügeltes High-Tech-Wunderwerk und kein bulliger Tourenwagen – es war ein Käfer.

Hinter dem Steuer saß der damals 26-jährige Schorndorfer VW-Händler Paul Strähle. Er kitzelte 170 km/h aus Tapferles 65 PS-Aggregat – „Ein Porsche-Motor. Den hatte ich selbst eingebaut“ – und erreichte, was unmöglich schien: den dritten Platz der Sportwagenklasse bei der Mille Miglia – und das nach 1 600 Kilometer italienischer Landstraße „mit Buckeln, Senken, und teilweise durch verkarstete Landstriche“, erinnert er sich heute.

Solche Geschichten sind es, die den Mythos Mille Miglia nähren. Sie ist nicht einfach ein Rennen, sondern eine tausend Meilen lange Motorsport-Legende. Enzo Ferrari soll einmal gesagt haben, dass die Mille Miglia „unsere Autos und die italienische Automobilindustrie erst erschaffen hat.“ Zwischen 1927 und 1957 lieferten sich auf dem norditalienischen Rundkurs die großen Namen des Motorsports PS-geladene Duelle: Rudolf Caracciola, Berghe von Trips, Fritz Huschke von Hanstein und Stirling Moss.

Nicht der Schnellste siegt

1977 erstand die Mille Miglia mit dem Zusatz „storica“ wieder auf – und wurde zur Pflichtveranstaltung der Oldtimer-Fans. Zuerst unregelmäßig, findet die neuen Mille Miglia seit 1986 wieder jährlich statt. Heute siegt aber nicht mehr der Schnellste. Die Oldtimer-Show ist eine Gleichmäßigkeitsfahrt: Jede Zehntelsekunde Abweichung von der vorgeschriebenen Zeit führt zu einem Strafpunkt.

Vor allem hat sie sich aber zum Magneten für Prominente entwickelt: Auch in diesem Jahr sitzen wieder Dutzende Top-Manager, Sportler, Schauspieler, Stars und Sternchen in den 372 Autos. Infineon-Chef Ulrich Schumacher etwa wird im historischen Mercedes 300 SRL Platz nehmen, Jaguar-Lenker Robert Dover im C-Type 53. Mercedes-Vorstand Jürgen Hubbert fährt den legendären 300-SL-Flügeltürer mit Uschi Glas auf dem Beifahrersitz, Hilmar von Baumbach aus der Eigentümerfamilie von Boehringer Ingelheim startet im BMW 328.

„Die Mille Miglia ist einfach einzigartig“, sagt Holger Lapp, Chef der BMW-Sparte Mobile Tradition. „Wenn die Autos in Brescia zum Start geschoben werden, ist man umringt von Menschen. Die Italiener sind die größten Auto-Enthusiasten der Welt.“ Der 53-Jährige startet mit Lederkappe und Pilotenbrille im BMW 328 MM Coupé, „dem Original-Siegerfahrzeug von 1940“. Der Wagen ist einer von neun Münchener Oldtimern am Start. Nachdem BMW-Pilot Giulio Cané vergangenes Jahr siegte, hofft Lapp diesmal auf Platz eins der Markenwertung: „BMW war schon bei der Original-Rennserie gut: immer etwas leichter gebaut, kleiner und intelligenter. Damit konnten wir den stark motorisierten Ferraris und Alfas Paroli bieten.“

Bei der Mille feiern die Autohersteller eben ihre Gründungsmythen: So lässt Mercedes-Benz die Zeit des legendären Teams von Alfred Neubauer wieder aufleben, als Stirling Moss, Hans Herrmann, Karl Kling und Juan Manuel Fangio 1955 den 300 SLR zum Sieg führten. Die meisten Fahrzeuge jedoch stellen – wie einst vor 50 Jahren – die Italiener Fiat, Alfa Romeo und Ferrari. Und noch heute beginnt die Mille Miglia traditionell mit einem OM 665, dem Rennwagen, der bis Ende der 20er- Jahre in der Mille-Miglia-Stadt Brescia produziert wurde – und der 1927 das erste Rennen mit einem Durchschnittstempo von 77 km/h gewonnen hatte.

Die tragische Seite der Mille Miglia

1954, als Paul Strähle mit Tapferle an den Start ging, war die Mille Miglia bereits das bedeutendste Rennen der Welt – ein High-Tech-Zirkus wie heute die Formel 1: „Der Traum aller, die irgendwie in den Motorsport eingestiegen sind“, sagt Strähle.

Der 75-Jährige besitzt heute ein Porsche-Zentrum in Süddeutschland und einen eigenen Rennstall. Dreimal fuhr er noch bei der ursprünglichen Mille Miglia mit: 1955 trat er im Porsche 356 an, „das war weniger erfolgreich, weil das Getriebe auf dem Weg vom Hotel zum Start kaputtging“, 1956 wurde er im A-Carrera Vierter der Fahrzeugklasse, 1957 sogar Erster.

Dies war auch das letzte Jahr der ursprünglichen Mille Miglia: Die italienische Regierung verbot das Straßenrennen nach einem tragischen Unfall endgültig. Der Marquis Alfonso de Portago verlor kurz vor dem Ziel die Kontrolle über seinen Ferrari, weil sich bei Tempo 250 ein Hinterrad löste. Der Wagen raste ungebremst in die Menge – zwölf Menschen starben.

Strähle erinnert sich: „Ich war schon im Ziel und gab gerade zusammen mit Trips ein Interview.“ Überrascht hat ihn die Tragödie nicht: „Kein Wunder – mit 400 Autos auf einer unbekannten, ungesicherten Strecke. Die Zuschauer standen an den unmöglichsten Stellen. Wir sind praktisch durch die Menschenmassen hindurchgefahren.“ 1978 war er dann wieder dabei, mit dem alten A-Carrera von 1957: „Den Wagen fahre ich heute noch.“

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