Trauma, Regen, Hunger
Die Not der Erdbeben-Überlebenden

Auch drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben auf der indonesischen Insel Java hat die internationale Hilfe noch nicht alle Bedürftigen erreicht. Viele der Obdachlosen haben nicht mal ein provisorisches Dach über dem Kopf. Nahrungsmittel und sauberes Trinkwasser sind weiterhin knapp.

HB SINGAPUR Wenn Oberst I. Wayan Sulaba aus dem Cockpit seines Hubschraubers schaut, beneidet er die Helfer am Boden keine Sekunde um ihre Aufgabe. „Ich sah viele Dörfer weit abseits der Hauptstraßen, die schwer zerstört sind und wo noch keine Hilfsteams eingetroffen sind“, sagt der Pilot, der Verletzte aus dem indonesischen Erdbebengebiet auf Java ausfliegt. Zwar treffen auf dem Flughafen von Yogyakarta seit Montag ständig dringend benötigte Güter wie Zelte und Nahrungsmittel ein. Doch sie auch zu jenen zu schaffen, die weit weg von Yogyakarta das Beben überlebten, ist etwas anderes.

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten von Straßen, die vom Tropenregen so durchweicht sind, dass Lastwagen nur langsam vorankommen. Und auch am Tag drei nach der Katastrophe fehlt es trotz der Ankunft zahlreicher indonesischer und internationaler Einsatzkräfte überall noch an helfenden Händen. „Unsere oberste Priorität ist die Verteilung von Hilfsgütern in schwer getroffenen Gebieten wie im Bezirk Bantul“, sagt Bowo, Mitarbeiter der staatlichen Erdbeben-Einsatzgruppe, der wie viele Indonesier nur einen Namen hat. „Aber wir brauchen mehr Personal.“

„Wir haben gestern sieben Kilogramm Reis für 300 Leute bekommen“, klagt Sugeng, Bewohner des Dorfes Mranggen im Bezirk Bantul. „Heute Morgen haben wir etwas Maniok gekocht, den wir noch im Garten finden. Aber wenn es nicht bald Lebensmittel kommen, müssen wir unsere Kinder mit Kochwasser füttern.“ Sardjono aus dem Dorf Dlingo, ebenfalls in Bantul, geht es ähnlich: „Hier ist noch keine Hilfe angekommen. Ich habe keine Ahnung, wo ich Essen herbekommen soll.“

Und dann der Regen, der seit drei Nächten auf die Überlebenden herabprasselt, die ihr Dach über dem Kopf verloren, oder noch nicht wagen, nach Hause zurückzukehren. Viele schützt nur notdürftig eine Plastikplane, noch sind nicht genug Zelte für die Obdachlosen eingetroffen. „Das Wetter macht das Leben der Opfer sehr schwierig, zumal sie auf der Straße leben oder im Schutt ihrer Häuser“, sagt der Sprecher des Welternähungsprogramms WFP, Paul Risley.

„Die Leute sitzen phlegmatisch herum“, sagt Volker Stapke vom Malteser Hilfsdienst, der am Dienstag mit der Versorgung der Erdbebenopfer in Bantul begann. Den ganzen Tag brachte Stapke im Dorf Piyungan zu, wo davor auch noch keine Hilfe eingetroffen war: „350 Schwerverletzte, Zerstörung - alles katastrophal“, berichtet der Projektkoordinator der Malteser auf Java. „Es gibt ein großes Trauma-Problem“, sagt Stapke. Viele der Verletzten müssten erst überredet werden, in Kliniken zu gehen, weil sie sich noch nicht in Gebäude trauten. Auch nähmen einige zunächst keine Hilfe an, weil sie daran gewöhnt seien, für medizinische Hilfe zu zahlen. Dabei sei es enorm wichtig, dass die Verletzten, vor allem jene mit Knochenbrüchen, vernünftig behandelt werden. „Es kann sonst zu Infektionen oder bis zur Verkrüppelung kommen. Da ist es mit einfachem Schienen nicht getan“, sagt der Koordinator.

Die Apathie der Überlebenden ist auch Hubschrauberpilot I Wayan Sulaba nicht entgangen. „Diese Opfer zu sehen - manche sind Kinder, viele sind alt - macht mich so traurig“, sagt er. „Sie sind einfach still, sagen nichts, schreien nicht, reagieren nicht. Ich glaube, sie haben nicht die Kraft zu schreien.“

Wer mit den Opfern spricht, hört nicht selten Klagen über die schleppende Hilfe. Einige berichten, dass die Lastwagen mit Hilfsgütern an ihnen vorbeiführen. „Jeden Tag fahren Lastwagen mit der Aufschrift „Erdbebenhilfe' vorüber, aber wir können sie nicht anhalten“, sagt Siwo Sudarmo. „Ich bin sehr traurig. Wir haben bislang keine Unterstützung erhalten“. Er sitzt in einem notdürftig zusammengeschusterten Zelt an einer Straße außerhalb Yogyakartas. „Wir mussten unser Zelt selbst bauen, und ich habe auch gelernt, dass man erst ein Formular ausfüllen muss, wenn man ein Zelt haben will.“ „Unser Dorf hat viele Opfer, die Häuser sind alle zerstört und wir haben keine Hilfe von der Regierung erhalten“, sagt ein bettelnder Mann mit seinen beiden barfüßigen Söhnen auf der Straße nach Bantul. „Das hier ist das einzige, was wir tun können. Was sollen wir sonst machen?“ fragt er.

Unterdessen kündigte das Deutsche Rote Kreuz an, eine Trinkwasseranlage für bis zu 20.000 Menschen von Sumatra im Norden des Landes ins Erdbebengebiet auf Java im Süden zu bringen. UN-Vertretern zufolge haben mehr als 22 Länder auf den Hilferuf der indonesischen Regierung reagiert und Hilfsgüter und Unterstützung zugesagt. Am Dienstag kamen noch einige Länder dazu. Die UN schickt in den kommenden Tagen drei Feldlazarette mit je 100 Betten, Zelte, Medikamente und Stromgeneratoren.

Beruhigt habe sich im Vergleich zu Montag der seit Wochen brodelnde Vulkan Merapi. Das sagte ein Experte der nationalen Vulkanwarte. Allerdings schleudere er noch immer heiße Asche bis zu drei Kilometer hoch in den Himmel, nach wie vor sei ungewiss, wie sich das Beben auf den Vulkan auswirke. So halten die Behorden weiterhin die höchste Alarmstufe um den fast 3000 Meter hohen Berg aufrecht und rieten der Bevölkerung sich weiter aus der Umgebung des Merapi fernzuhalten.

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