„Tschick“
Plädoyer für mehr Abenteuer

Fatih Akin hat den Bestseller „Tschick“ verfilmt. Der Regisseur überzeugt auch diejenigen, die bei dem Wort „Romanverfilmung“ automatisch eine Abwehrhaltung einnehmen. Ein Plädoyer für das Wichtige im Leben.
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Die Welt ist schlecht und der Mensch auch. Das ist es, was Mike ständig und überall zu hören bekommt. Von seinen Eltern, von seinen Lehrern und den Nachrichtensprechern sowieso. Am Ende von Wolfgang Herrndorfs Buch „Tschick“ weiß der 14-Jährige es allerdings besser.

Mit seinem Freund Andrej ist er in einem gestohlenen Lada quer durch die brandenburgische Wallachei gefahren. Die Menschen, die sie treffen, sind freundlich und hilfsbereit, obwohl sie die beiden Jungs nicht kennen und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Zum Schluss landen die Ausreißer vor Gericht, aber von Reue keine Spur. Das Abenteuer war es wert, lautet die Quintessenz des Buchs. Herrndorf hat ein wundervolles Plädoyer für das Wichtige im Leben geschrieben: für Freiheit, für Mitmenschlichkeit, für Liebe und wahre Freundschaft. Der Sound des Buchs ist zwar rotzig, aber immer ehrlich und klingt nie geschrieben. Gerade deshalb kann und will man gar nicht anders, als in der Geschichte zu versinken. Fatih Akin hat das erkannt, seine „Tschick“-Adaption läuft heute in den Kinos an. Der Regisseur überzeugt auch diejenigen, die bei dem Wort „Romanverfilmung“ sonst automatisch eine Abwehrhaltung einnehmen: Nicht ein Mal während der rund 90 Minuten verliert er den Respekt vor der Vorlage.

Als der Plan für den Film gefasst wurde, wusste Herrndorf bereits, dass er ihn nie sehen würde. Er litt an einem Hirntumor und nahm sich am 26. August 2013 am Ufer des Berliner Hohenzollernkanals das Leben. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“ führte er Tagebuch über das Sterben. Düster geht es darin zu, und oft macht sich Verzweiflung breit. Am Ende steht aber auch dort die Erkenntnis: Das Abenteuer Leben war es wert.

Michael Verfürden
Michael Verfürden
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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