Tube-Streik
London stürzt ins programmierte Chaos

Ein 24-stündiger Ausstand der U-Bahn legt zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen die britische Hauptstadt lahm. Viele Pendler versuchen, auf andere Verkehrsmittel auszuweichen – mit geringem Erfolg.
  • 0

London„Mind the Gap“, zu deutsch: Achten Sie auf die Lücke, steht in großen Lettern auf dem Boden des U-Bahnsteigs des Londoner Victoria-Bahnhofes. Doch die freundliche Mahnung, die Zugpassagiere vor der Lücke zwischen dem Bahnsteig und den Türschwellen der Bahn warnen soll, wirkt an diesem Donnerstag seltsam deplatziert.

Denn da, wo normalerweise im Minutentakt die im klassischen rot-blau-weiß gestrichenen Waggons der Tube einfahren, herrscht diesmal nur gähnende Leere. Umso voller und drängender bewegt sich dagegen die Menschenmasse draußen vor den metallischen Absperrgittern am Umsteigebahnhof nahe des Buckingham Palace. Dicht an dicht stehen die Pendler, drängen sich in überfüllte Busse und Taxis oder nehmen lange Fußmärsche in Kauf. „Ich bin ziemlich genervt“, schimpft der 33-jährige Richard Page, der auf dem Weg ins Finanzviertel ist.

Page ist mit seinem Zorn nicht allein, denn der zweite Megastreik der Londoner U-Bahn innerhalb von vier Wochen legt die Metropole lahm. „Es ist acht Uhr morgens und die Busse sind bereits überfüllt mit verärgerten Menschen“, schimpft ein anderer Passant. Doch es gibt kein Entkommen: Für 24 Stunden haben sich die „Tube“-Fahrer in der britischen Hauptstadt erneut in den Ausstand begeben. Schieben, quetschen, Luft anhalten: So wie Page ergeht es an diesen Tagen Hunderttausenden Londonern.

Der Arbeitskampf stürzt die Metropole in ein Verkehrschaos. Viele Pendler versuchen am Donnerstagmorgen, auf Busse, Fahrräder und Themse-Boote auszuweichen. Doch es hilft kaum etwas. Überall reihen sich die Pendler in lange Warteschlangen ein. Bis Mitternacht soll der Ausstand andauern. Bis dahin herrscht Ausnahmezustand.

Nichts geht mehr. Aus Protest gegen einen ab September geplanten Rund-um-die-Uhr-Dienst sind die Fahrer in der Nacht auf Donnerstag in einen 24-Stunden-Streik getreten. Schon am Mittwochabend kam es zu ersten Verspätungen, doch das war nur ein Vorspiel auf den großen Ausstand vom Donnerstag. Den ganzen Tag über wollen die Gewerkschaften den Bahnbetrieb lahmlegen. Die Londoner Verkehrsbetriebe teilten mit, die Auswirkungen des Streiks könnten sich bis in den Freitag hinein auswirken. 250 Ersatzbusse und zusätzliche Leihfahrräder wurden auf die Straße gebracht – doch auch sie können den Verkehrsinfarkt nicht verhindern.

An normalen Tagen transportiert die Tube, wie die U-Bahn mit ihren elf Linien in London genannt wird, mehr als vier Millionen Fahrgäste. Entsprechend hilflos wirken die Maßnahmen, mit denen das Chaos bekämpft werden soll. Die Londoner Verkehrsgesellschaft Transport for London (TfL) verteilte bereits Tage vor dem Ausstand an den Eingängen zu den U-Bahnen Fußgängerkarten, die den frustrierten Reisenden beschreiben, wie lange die Wege zu Fuß dauern. Außerdem empfahl das Transportunternehmen frühzeitig den Londonern mit Fahrrad, lieber dieses zu benutzen.

Seite 1:

London stürzt ins programmierte Chaos

Seite 2:

Camerons Minister droht Gewerkschaft

Kommentare zu " Tube-Streik: London stürzt ins programmierte Chaos"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%