U-Bahn-Streik in London
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

London guckt in die Röhre: Ein 48-Stunden-Streik der U-Bahn lähmt die britische Hauptstadt – ein Desaster für die Millionenmetropole. Doch die Londoner nehmen es mit einer typisch britischen Tugend: Gelassenheit.
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LondonKavya Kaushik ist die Laune bereits verdorben. Mit einem großen Koffer ist er am Londoner Bahnhof St. Pancras aus Paris angekommen und wollte nun schnell in die U-Bahn springen. Doch daraus wird nichts. Der Student muss sich in eine lange Schlange von Wartenden einreihen, die sich nur in Trippelschritten in Richtung Rolltreppen bewegt, wo die heute nur sporadisch verkehrende U-Bahn abfährt. Ein Arbeitskampf der U-Bahn-Bediensteten hat die Metropole zum zweiten Mal diesem Jahr in ein Verkehrschaos gestürzt.

Bis Mittwochnacht soll der Ausstand andauern. Bis dahin herrscht Ausnahmezustand. Doch die mehrere Millionen Pendler, die jeden Tag mit der U-Bahn in der britischen Hauptstadt fahren, versuchen auch diese Prüfung mit einer sehr typischen englischen Tugend zu nehmen: Gelassenheit – auch wenn es heute besonders schwerfällt. „Das eine Unannehmlichkeit zu nennen, ist eine ziemliche Untertreibung“, kämpft Kaushik um Fassung.

Es ist die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Denn heute wird jede Fahrt in der britischen Metropole zum Geduldsspiel. Die schlechte Laune der Pendler und Geschäftsreisenden, die sich auf den angestoßenen Bodenfliesen die Beine in den Bauch stehen, ist beinahe mit Händen zu greifen. Denn so wie Kaushik ergeht es an diesen Tagen Hunderttausenden Londonern. Viele Pendler versuchen am Dienstagmorgen, auf Busse, Fahrräder und Themse-Boote auszuweichen.

Doch es hilft kaum etwas. Überall sind lange Schlangen. Viele Fahrgäste müssen erst mehrere überfüllte Busse passieren lassen, bis sie sich auf einen Miniplatz quetschen konnten, um die Odyssee zum Arbeitsplatz fortzusetzen. Denn die Verkehrsgesellschaft „Transport for London“ (TfL) schafft es mit aus dem Innendienst herbeibeorderten Beschäftigten nur, einen eingedämpften Notfahrplan auf den meisten Linien zu garantieren – auf manche Verbindungen läuft auch gar nichts mehr.

Für London ist das ein herber Schlag. Etwa 3,5 Millionen Fahrgäste transportiert die „Tube“ (Röhre), wie die U-Bahn mit ihren elf Linien in London genannt wird, an einem normalen Arbeitstag. Londons Wirtschaft warnte bereits bei der ersten Streikwelle im Februar, dass der 48-stündige Ausstand einen Schaden in Höhe von bis zu 200 Millionen Pfund verursachen könnte – doch die warnenden Stimmen verhallen heute ebenso wie vor zwei Monaten. Bereits für Anfang der kommenden Woche ist bereits der nächste zweitägige Streik angekündigt. Schlichtungsgespräche verliefen bisher ergebnislos. Die Fronten zwischen den U-Bahn-Beschäftigten und der Verkehrsgesellschaft, die dem Londoner Bürgermeister Boris Johnson untersteht, sind unverändert verhärtet. Als „sinnlosen Streik“, kritisierte Johnson die neuerlichen Arbeitsniederlegungen.

Es ist ein großer Ausstand aus vergleichsweise nichtigem Anlass: Mit dem Ausstand will das U-Bahn-Personal den Abbau von rund 750 Stellen an den Londonern Ticketschaltern verhindern. Die Fahrkartenschalter soll geschlossen werden, weil immer mehr Londoner ihre Dauerfahrkarten am Automaten oder im Internet aufladen. Kein Mitarbeiter müsse aber deswegen entlassen werden, beteuert Johnson.

Der Umbau werde durch freiwillige Vorruhestandsregelungen oder andere Jobangebote im Unternehmen sozialverträglich gestaltet. Die Gewerkschaften pochen dagegen auf ein altes Versprechen des Bürgermeisters, dass die Tickethäuser nicht angerührt würden. Doch längst geht es bei dem Streit auch um einen politischen Machtkampf zwischen den Gewerkschaften und der öffentlichen U-Bahnbetreibergesellschaft TfL.

Denn dem schillernden Bürgermeister mit dem wüsten Haarschopf werden hartnäckig Ambitionen nachgesagt, eines Tages den britischen Premierminister David Cameron beerben zu wollen. Der massive Ausstand, der Millionen von Londonern das Leben schwer macht, nagt jedoch am Renommee des beliebten Politikers. Der Pendler Stephan Taylor hat sein Urteil über den Tory-Politiker jedenfalls schon gefällt. „Wenn er nicht einmal die Transport-Gewerkschaft in den Griff bekommt, welche Chance hätt er dann gegen die Putins dieser Welt?“, fragt er verbittert.

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