Überalterung in deutschen Zoos
Wenn Nilpferde ins Arthrose-Alter kommen

Die Elefantendame „Lai Sinh“ in Hagenbecks Tierpark in Hamburg, die am Mittwoch im Alter von 17 Jahren ihr erstes Kind zur Welt gebracht hat, ist für Elefantenverhältnisse eine junge Mutter. Doch junge Tierbevölkerung ist in deutschen Zoos nicht mehr selbstverständlich. Das stellt Tierärzte vor neue Herausforderungen.

HB HAMBURG/DORTMUND. Am Mittwochmorgen brachte die indische Elefantendame „Lai Sinh“ ihr erstes Baby gesund zur Welt, nachdem sie 2003 eine Fehlgeburt hatte. Bereits eine Viertelstunde nach der Geburt versteckte sich das noch etwas unsicher tapsende Elefanten-Mädchen zwischen den Beinen seiner Mutter und zahlreicher Tanten. Pfleger und Tierarzt mussten bei der Geburt nicht eingreifen. „Die ganze Herde hat der werdenden Mutter zur Seite gestanden“, teilte die Direktion mit. Elefatnen werden etwa im Alter von zwölf bis 20 Jahren geschlechtsreif.

Der kleine - noch namenlose - Elefant ist nach Angaben der Pfleger etwa 80 bis 100 Kilogramm schwer und und 96 Zentimeter groß. Zusammen mit den 2003 und 2004 geborenen Geschwistern „Kandy“ und „Thai“ wird die Kindertruppe in der Freilaufhalle jetzt zum Trio. Besucher können den jüngsten Dickhäuter, seine Spielkameraden, die weiblichen Tiere und den Bullen in der neuen Elefantenanlage ansehen.

Doch die junge Familie ist keinesfalls repräsentativ für die deutschen Zoos. Denn wie bei den Menschen sorgt eine immer professionellere medizinische Versorgung für eine zunehmend ältere Zoo-Bevölkerung. „Auch bessere Haltungsbedingungen haben dazu beigetragen, besonders bei den Säugetieren“, sagt der Tierarzt und Leiter der deutschen Gesellschaft für Zootiermedizin, Wolfram Rietschel. Der „demographische Wandel“ stellt die Zoos und Tierärzte vor neue Herausforderungen. Sie müssen sich verstärkt um altersbedingte Krankheiten kümmern, die Ernährung altersgerecht umstellen und zusätzlichen Platz für nachwachsende Junge schaffen.

Artig öffnet Rosl ihr riesiges Maul, lässt sich eine brikettgroße Tablette auf die rosa Zunge legen und schluckt sie gehorsam runter. Die tägliche Einnahme der Anti-Babypille ist für die Flusspferddame im Gelsenkirchener Zoo zur Routine geworden. „Mit ihren fast 50 Jahren und nach 13 Kindern wollen wir ihr keine Schwangerschaft mehr zumuten“, sagt Zoo-Mitarbeiterin Sabine Haas. Flusspferde können bis zu 60 Jahre alt werden. Rosl hat sich einen ruhigen Lebensabend verdient.

Neben der Anti-Babypille erhält die Gelsenkirchener Flusspferd- Rentnerin Rosl noch Aufbaupräparate für ihre Gelenke. Eine Arthrose macht ihr zu schaffen. „Wir achten darauf, dass sie viel im warmen Wasser liegen kann“, sagt Haas. Das entlastet die Gelenke und lindert die Beschwerden. Doch trotz ihrer Beschwerden ist Rosl immer noch die Chefin im Flusspferdhaus. Nicht nur gegen ihren langjährigen Partner Ernie, sondern auch gegen drei junge Flusspferdkühe hat sie ihre Führungsansprüche durchgesetzt.

Anders als Rosl sind viele der betagten „Zoo-Rentner“ einsam. „Ihre alten Weggefährten sind gestorben, und man scheut sich, einen neuen jungen Partner dazu zu tun“, erklärt Tierarzt Rietschel. So ergeht es dem ältesten Süßwasserdelfin der Welt im Duisburger Zoo. Der 31-jährige „Baby“ muss nach dem Tod seines Partners vor einem halben Jahr allein seine Runden schwimmen. Nun steigt sein Pfleger regelmäßig zu ihm ins Becken und spielt mit dem betagten Meeressäuger.

Mehr Glück hatte da „Siam“ im Dusiburger Zoo. Der knapp 50 Jahre alte Orang-Utan verbringt seinen Lebensabend im Kreis der Familie. „Trotz Altersdemenz spielt er noch viel mit seinen Kindern“, sagt der Zoo-Inspektor Frank Chomik. „Er klettert aber weniger gern. Seine Koordination ist nicht mehr so gut.“

Einige Zoos haben spezielle Rentnergruppen eröffnet. In Dortmund verbringen beispielsweise zwei Amurleoparden ihren Lebensabend in einem vergleichsweise kleinen Gehege. Für den ältesten Amurleoparden Europas reiche die kleine Anlage aus, sagt Tierpflegemeister Hans- Joachim Sill. Die greise Raubkatze, die mit ihren 27 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung ihrer Artgenossen um rund zehn Jahre überboten hat, ist nicht mehr so mobil wie vor einigen Jahren.

„Er liegt viel und schafft es auch nicht mehr, alle Körperteile zu putzen“, berichtet Sill. Dass der Leoparden-Opa die Fellpflege schleifen lässt, zeigt der verfilzte Pelz an Nacken und Hinterpfoten. Seinem Nachbarn sieht man dagegen die 20 Jahre noch nicht an. Er kam vor rund einem Jahr in den Altersruhesitz nach Dortmund. „Beide Leoparden bekommen nur noch zartes, leicht verdauliches Fleisch ­ viel Huhn beispielsweise“, sagt Sill.

Die tierischen „Rentner“ stellen die Zoos aber nicht nur vor Herausforderungen, sondern können auch wichtige Ratgeber für die Gruppe sein. „Bei Elefanten sind beispielsweise die alten Tanten enorm wichtig. Sie haben schon die ein oder andere Geburt erlebt und können jungen Elefantenkühen zeigen, wie es funktioniert. Das kann kein Pfleger“, sagt Sill.

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