
BERLIN HB. Die Tischkamera des Berliner Pokerturniers im Berliner Grand Hyatt zeigt einen Spieler, der cool seine Chips umschichtet. In dem Fünf-Sterne-Hotel, wo noch vor kurzem Filmgrößen aus aller Welt sich zur Berlinale ein Stelldichein gaben, treffen sich Hunderte, um mit Full House oder Straight Flush das große Geld zu machen. Eine Million winkt dem Sieger. Auch Prominente wie Boris Becker oder die „Feuchtgebiete“-Autorin Charlotte Roche nahmen am Turnier teil, schieden aber schon Mitte der Woche aus.
Die Webcam fängt leicht unterkühlte Atmosphäre um die Pokertische am Samstagnachmittag ein - bis im Hintergrund wütende Schreie ertönen. Der Spieler dreht sich um und sieht, wie sich Hektik und Nervosität wellenartig bis zu ihm hin ausbreiten. Lautes Gebrüll erfüllt die Vorhalle. Es ist kein Gag, kein Dreh, was man in dieser Gegend Berlins immer wieder erwarten könnte. Es ist ein echter Raubüberfall. Er wird gefilmt.
Auch in der Vorhalle wird der große Coup gerade gedreht. Das Video läuft tags darauf im Fernsehen immer wieder: Schwarz gekleidete und maskierte Männer verbreiten zwischen gläsernen Design-Wänden brüllend Angst und Schrecken, springen über Tresen, fuchteln vor Sicherheitsleuten mit einer ziemlich großen Machete, werfen Tische um und verlangen von Hotelangestellen die Herausgabe des Preisgeldes.
Der Spieler ist längst vom Tisch geflüchtet. Die Kamera filmt panische Leute, die ihr Heil unter den Tischen oder in der Flucht suchen. Irgendwann wird es auch schwarz vor dem Kamera-Auge. Sieben Leute ziehen sich in der Hektik Verletzungen zu. Einige rennen durch den Vorraum, während ein Sicherheitsmann sich einem Gangster in den Weg stellt. Er kämpft mit dem Mann, schafft es, offenbar zusammen mit einem Hotelpraktikanten, ihm einen großen Teil der Beute zu entreißen.
Aber den Täter selbst kann er nicht festhalten. Er wird von den anderen Räubern befreit. Die Bande stürmt aus dem Hotel heraus, zu der Einkaufsmeile „Potsdamer Platz Arcaden“ gleich um die Ecke des Hyatt. Hier, im samstagnachmittäglichen Einkaufs- und Touristengewühl, verliert sich vorerst ihre Spur.
80 Prozent der Beute, heißt es, haben die Gangster zurücklassen müssen. Ob sie wirklich in einem schwarzen Mercedes geflohen sind, will erst einmal kein Polizeisprecher bestätigen, ebenso wenig wie die Ermittler etwas zur Höhe der Beute sagen wollen. Zwischen 200 000 und 800 000 Euro lauten die Spekulationen.
Sie müssen jetzt erst einmal Zeugen befragen und Videos anschauen. Was am Sonntag im Fernsehen lief, war sicherlich noch nicht alles. Das Videozeitalter hat die Schwerstkriminalität erreicht. Das Pokerturnier wird unterdessen fortgesetzt. Cool sind sie ja, die Spieler.