Übernahmen und Fusionen
Die Stunde der Strategen

Das Blatt hat sich gewendet, schneller, als so mancher wahrscheinlich gedacht hat. Spielten Finanzinvestoren im weltweiten Geschäft mit Übernahmen und Fusionen im vergangenen Jahr noch eine gewichtige Rolle, ist ihr Einfluss in den zurückliegenden zwölf Monaten deutlich gesunken. Es schlägt die Stunde der Strategen, der industriellen Käufer.

FRANKFURT. "Die Zeiten eines Wettbewerbsvorteils der Finanzinvestoren - durch extrem billige Refinanzierungen - gegenüber Strategen sind vorbei", bringt Andreas Raffel, der Deutschland-Chef des Bankhauses Rothschild, die Lage auf den Punkt. Eine der wesentlichen Ursachen sind die Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Banken tun sich zurzeit schwer, Kredite, die sie für Übernahmen gewährt haben, an Investoren weiterzuverkaufen.

Die trockene Statistik zeigt die Folgen. Hatte der Anteil von Finanzinvestoren am weltweiten Übernahmegeschäft nach Berechnungen des Finanzdienstleisters Thomson Financial im Mai dieses Jahres noch bei 36 Prozent gelegen, brach er bis zum Oktober auf bescheidene 14 Prozent ein. Besserung ist nicht in Sicht. "Große Übernahmen mit Finanzinvestoren sind derzeit nicht zu stemmen. Viele Banken sitzen immer noch auf Krediten, die sie kurz vor der Krise zugesagt, aber noch nicht weitergereicht haben", beschreibt ein Banker die Gefechtslage.

Wie schwer sich die Equity-Fonds derzeit mit großen Transaktionen tun, zeigt das Beispiel Cerberus. Die US-Private-Equity-Firma ließ die Übernahme des US-Maschinenvermieters United Rentals für vier Milliarden Dollar platzen. Selbst die damit fällige Vertragsstrafe von gut 100 Millionen Dollar tat letztlich weniger weh als irgendwelche abenteuerlichen Klimmzüge auf der Finanzierungsseite. Das ist kein Einzelfall. Der auf Übernahmen und Fusionen spezialisierte Marktforscher Dealogic schätzt, dass die Finanzinvestoren bislang im zu Ende gehenden Jahr bei 76 Transaktionen mit einem Volumen von immerhin 200 Milliarden Dollar zurückrudern mussten, doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Dabei läuft das M&A-Geschäft nach wie vor auf Hochtouren, allen Krisen auf der Finanzierungsseite zum Trotz. Auf insgesamt 4,4 Billionen Dollar veranschlagen die Experten von Thomson Financial das diesjährige Transaktionsvolumen rund um den Globus. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor waren es 3,6 Billionen Euro. Ein Grund ist sicherlich das noch sehr gute und von jeglichen Finanzierungssorgen befreite erste Halbjahr 2007.

Doch das ist nur ein Teil der Erklärung. Der andere findet sich auf der Seite der Strategen, der Unternehmen. Sie haben bei Übernahmen derzeit alle Vorteile auf ihrer Seite. Da ist zum einen die Finanzierung. Es ist trotz der Finanzkrise immer noch möglich, größere Kredite für Unternehmen mit einer guten Bonität am Markt zu verbriefen und zu verkaufen. So lief etwa die Finanzierung der Übernahme von Siemens-VDO durch Continental reibungslos.

Voraussetzung, so Stephan Leithner, Europa-Chef Übernahmen und Fusionen der Deutschen Bank, seien allerdings eine "klare strategische Logik der dahinter stehenden M&A- Transaktionen und angemessene Konditionen". Oder anders formuliert: Auch für strategische Investoren ist längst nicht alles möglich.

Das gilt vor allem für den Mittelstand, wie Kai Lucks, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Mergers & Acquisitions, zu berichten weiß. Gerade im Mittelstand würden viele Firmen mit einer sehr niedrigen Eigenkapitalquote arbeiten. Das könne sich bei einer Übernahme rächen. "Die Kreditgeber sind deutlich vorsichtiger und verlangen höhere Risikoprämien. Dadurch steigen natürlich die Kapitalkosten auch für Unternehmen", sagt er.

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