Und Action!
Mehr Spannung, bitte

Wider den Unsinn, von allem und jedem „entspannen“ zu müssen. Weg mit der Blähpotenz des „Relax!“ Was diesen unseren Zeiten (und uns Zeitgenossen) vielmehr fehlt, ist viel mehr Spannung. Aufregung! Überraschung!

Entspann dich“, empfehlen sie uns auf Schritt und Tritt. „Relax doch mal ein bisschen“, sagen wohlmeinende Gutmenschen und bejubeln diesen Heilschlaf und jenen Chi Gong (was immer das Seltsames ist). „Bau Stress ab, nimm die Spannung raus.“

Alles Unfug, liebe Leute, ganz im Gegenteil! Was diesen unseren Zeiten (und uns Zeitgenossen) vielmehr fehlt, ist viel mehr Spannung. Unvorhergesehenes und Unerwartetes! Und: Action! Nehmen wir als Beispiel das gute alte Kino, das ja bekanntlich metaphorisch für das Leben steht. Es gab Zeiten, und die sind gar nicht so lange her, da ging man ins Kino, um Spannung zu erleben, und zwar hautnah. Irgendetwas passierte dort vorne, was voraussehbar war und doch wieder nicht. Ein düster-dramatisches Wechselspiel zwischen Tätern und Opfern, dessen Dramaturgie eigentlich immer gleich, aber auch immer gleich nervenzerrend war. Thrill.

Eine Musik wallte dazu auf und ab, Vorhänge wehten durchs Halbdunkel, durch das sich einer arglos bewegte, während ein anderer das blitzende Messer gegen ihn richtete. Der Horror breitete sich zwischen den Popcorntüten aus; im aufgeregten Zucken der Beine kippten reihenweise Colaflaschen um und entleerten sich über die Pumps der Nachbarin.

Schrill klingelte plötzlich ein Telefon, wir Zuschauer schraken auf, schnappten nach Luft und lugten durch die Finger der Hand, die wir längst vor die Augen gepresst hatten, um nicht vom ganzen Ausmaß der Panik geschüttelt zu werden, das sich da vor uns ausbreitete. Das uns zugleich abstieß und faszinierte. Wir waren buchstäblich sowohl hin als auch weg.

Alfred Hitchcock hieß der Erfinder dieses „Suspense“, dieses wollüstigen Spannungserlebens, und Adepten wie Brian de Palma folgten ihm. „Wenn Sie eine gute Szene voll Suspense und stummer Erwartung haben“, sagte Hitchcock, „dann richten Sie sich majestätisch darin ein, mit sehr viel Atmosphäre, der Stil der Einstellungsfolge ist sehr persönlich, selten vorhersehbar und immer wirkungsvoll.“

Vielleicht sind’s ja Abnutzungs- oder Überdrussphänomene eines langjährigen Kinogängers, vielleicht eine Grundnörgeligkeit, vielleicht dieses Früher-war-alles-besser-Gefühl, das wir uns nie zugestehen wollten, aber längst so verinnerlichen wie einst unsere Groß- und Urgroßväter auch. Vielleicht ist’s aber auch eine durchaus objektive Phänomenologie der Jetztzeit, dass die Spannung insgesamt nachgelassen hat. Im Fernsehen und im Kino sowieso, vielleicht sogar im richtigen Leben, wo wir nicht mehr ordentlich gestresst sein dürfen, sondern Life und Work in der Balance halten und Gelassenheit ausstrahlen beziehungsweise inkorporieren sollen, als wären wir Zahlmeister eines buddhistischen Wanderordens.

Vor lauter „Relax“ und „Entspannung“ und „Wellness“ drohen wir zu Schlappmaten zu werden, die zwar keine Verknotungen mehr im „Nackenbereich“ haben, dafür umso mehr im Hirn. „Rieläcks!“ befahl dem Autor dieser Zeilen neulich eine asiatische Masseurin und rammte ihm die spitzen Ellbogen so gegen die Rippen, dass er dem Königreich Thailand beinahe den Krieg erklärt hätte. Die Folgen der „Entspannungsmassage“ waren als marmorierte Flecken noch eine Weile zu sehen. Und das Relax-Mantra lebte nach wie ein Tinnitus.

Wo sind sie geblieben, die guten alten abendländischen Tugenden der Aufregung, des Zorns, der Leidenschaft und Anspannung, der „Exaltation“, wie sie in einem alten philosophischen Lexikon beschrieben wird – als „leidenschaftliche Erhebung des Gemüts und des Willens, welche den Menschen zur Überwindung außerordentlicher Hindernisse anspornt“? Die Zukunft wäre demnach dem Exaltierten und Überdrehten offen, dem, der die Spannung braucht, die ihm im Fernsehen versagt bleibt.

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