Unrühmliches Erbe
Alte deutsche Kriegsschiffe behindern Donau-Schifffahrt

69 Jahre nach dem Ende des Zweiten Welktrieges werden deutsche Kriegsschiffe für die Donauschifffahrt immer mehr zum Problem. Bei Niedrigwasser kommen die fast vergessenen Wracks wieder ans Licht - und behindern Lastkähne und Passagierschiffe beim Fortkommen.
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HB PRAHOVO. Die deutsche Marine hatte ihre Schwarzmeerflotte beim Rückzug in der Donau versenkt, um den zweitgrößten europäischen Wasserweg unpassierbar zu machen. Jetzt verzeichnet die Donau fast regelmäßig am Ende des Sommers rekordverdächtiges Niedrigwasser, das die fast vergessenen Wracks wieder ans Licht bringt. Lastkähne und Passagierschiffe auf der Route Passau-Schwarzes Meer müssen mehr denn je navigieren, um nicht mit dem unrühmlichen Erbe zu kollidieren.

Es war eine Verzweiflungstat: Am 6. und 7. September 1944 versank die deutsche Schwarzmeerflotte beim serbischen Dorf Prahovo im Donner und Blitz eigener explodierender Bomben, Granaten und Minen in der Donau. Konteradmiral Paul-Willy Zieb hatte den Befehl dazu erteilt, weil die Lage aussichtslos war. Schätzungsweise 150 bis 200 Schiffen auf bis zu 20 Kilometern Länge war der Rückzug von der Roten Armee über die Donau abgeschnitten. Die Russen kontrollierten bereits das Nadelöhr, "Eisernes Tor" genannt, wo sich der mächtige Fluss durchs enge Gebirge quält. Sie waren bis ans rumänische Ufer vorgestoßen, konnten die meist kleineren Schiffe der deutschen Flotte wegen einer großen Insel und der davor gelagerten Sümpfe aber nicht angreifen. Die serbische Flussseite beherrschte noch die Deutsche Wehrmacht. Doch das war angesichts der vorrückenden jugoslawischen Partisanen nur noch eine Frage von Tagen.

"Das halbe Dorf hat dem Spektakel am Ufer zugesehen. Die haben sicher 200 Schiffe versenkt", beschreibt Vojislav Jankovic die Szene. Die Deutschen haben die Schiffe ineinander verkeilt, sie geflutet und im Inneren Explosionen hochgehen lassen", erinnert sich der 79- jährige Dorfbewohner. "Einige von ihnen haben wir später mit dem Schiffskran Sutjeska aus der Fahrrinne geräumt, damit überhaupt Schiffe passieren konnten". Das reichte für Jahre. Doch der Klimawandel lässt den Donauspiegel hier im Dreiländereck zwischen Serbien, Rumänien und Bulgarien jetzt regelmäßig auf Rekord- Niedrigmarken sinken, so dass die deutschen Wracks mehr und mehr zu einer Gefahr für die internationale Schifffahrt werden.

Roberto Zanetti von der niederländischen Beratungsfirma Witteveen- Boss hat sechs Jahre die Lage der Wracks erforscht. Jetzt liegt ein genauer Plan vor. Mit Hilfe einer serbischen Taucherin seien die Schiffsruinen vermessen worden. "Wenigstens 21 Schiffe liegen in oder nahe der Fahrrinne", sagt der Experte. Die wird neben Frachtschiffen vor allem von Hunderten ausländischer Passagierschiffe befahren, die ihre Gäste meist von Passau bis zur Donau-Mündung ins Schwarze Meer schippern. Bis zu 30 Mio. Euro müssen für die Bergung aufgebracht werden. Die Europäische Bank für Wiederaufbau (EBRD) hält einen Kredit bereit, aber die serbische Regierung zeige wenig Interesse, sagt Zanetti. Er ist vor kurzem wieder in seine Heimat zurückgekehrt.

Vor der Verzweiflungstat des deutschen Generals erhielten die Einwohner von Prahovo die Erlaubnis, alles was nicht niet- und nagelfest war, von den Schiffen zu plündern. "Kleidung, Teppiche, Wanduhren, Werkzeug, Besteck und Geschirr", beschreibt der frühere Polizeichef in der Kreisstadt Negotin, Ljubisa Stojanovic, die Szene. "Die vielen Kähne der Einwohner hatten nur sehr begrenzt Zeit, das Inventar der Schiffe wegzuschleppen". "Viele dieser Dinge waren noch Jahrzehnte später in Gebrauch", erinnert er sich.

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