Unternehmen wieder mutig
Ein Land im Übernahmefieber

Deutschlands Unternehmen sind wieder richtig mutig geworden. Nach einer langen Durststrecke ist in diesem Jahr ein regelrechtes Übernahmefieber ausgebrochen.

HB DÜSSELDORF. Nach Berechnungen von Thomson Financial haben deutsche Unternehmen für 2005 bislang Übernahmen im Wert von mehr als 76 Milliarden Euro in In- und Ausland angemeldet. Das ist ein massiver Sprung gegenüber dem Vorjahr - 2004 lag der Wert gerade einmal bei etwa 46 Milliarden Euro. Das Interesse am Firmenzukauf geht quer durch alle Branchen. Spektakulärster und teuerster Fall ist in diesem Jahr die Übernahme des britischen Logistik-Konzerns Exel durch die Deutsche Post. Knapp 5,6 Milliarden lässt sich das Unternehmen aus Bonn den Ausflug auf die britische Insel kosten - der frühere Staatskonzern geht ein hohes Risiko ein, um den Aufstieg zum weltgrößten Logistik-Unternehmen zu schaffen.

Auch in anderen Branchen sitzt der Geldbeutel locker. Die Bereitschaft, schnell einen hohen Milliardenbetrag auf den Tisch zu legen, ist weit verbreitet. Die Axel Springer AG will sich nicht mehr nur auf Zeitungen verlassen und plant deshalb die Übernahme des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat 1. Kostenpunkt: etwa 4,2 Milliarden Euro. Thyssen-Krupp fürchtet, unter den großen Stahlkonzernen noch weiter ins Mittelfeld abzurutschen und will deshalb den kanadischen Konkurrenten Dofasco für umgerechnet 3,5 Milliarden Euro übernehmen. Adidas kauft Reebok in den USA (3,1 Milliarden), der Erwerb des Schifffahrtsunternehmens CP Ships kostet die Tui AG etwa zwei Milliarden Euro.

"Jetzt besteht eine gute Ausgangslage für Zukäufe", erläutert Juan Rigall, Partner bei der Düsseldorfer Unternehmensberatung Droege & Comp., den starken Anstieg bei Übernahmen. Viele Unternehmen hätten ihre Kassen in den zurückliegenden eineinhalb Jahren kräftig aufgefüllt, deshalb stelle sich jetzt die Frage nach dem Verwendungszweck. "Und da ist man schnell beim Thema Zukauf", sagt Rigall. Besonders wichtig sei dabei, dass Übernahmen im Ausland die Internationalisierung des eigenen Geschäfts erheblich erleichtern könnten.

Der Dialyse-Spezialist Fresenius Medical Care (FMC) setzt explizit auf das Geschäft im Ausland. Deshalb kauft das hessische Unternehmen in den USA den Konkurrenten Renal Care Group für knapp drei Milliarden Euro dazu. Auch die Deutsche Bahn will sich aus dem engen nationalen Korsett befreien - im Frachtgeschäft ist dies dem Staatskonzern aus Berlin immerhin möglich. Die Bahn nimmt deshalb den Logistik-Konkurrenten Bax Global aus den USA für 1,1 Milliarden Euro in das Konzernreich auf.

Der wieder erweckte unternehmerische Mut beschränkt sich nicht allein auf den klassischen Kauf eines Konkurrenten. Beliebt sind inzwischen auch wieder Beteiligungen an anderen Unternehmen. Wichtigstes Beispiel im zurückliegenden Jahr: Der Einstieg von Porsche bei VW im September für etwa 3,5 Milliarden Euro, als der Stuttgarter Sportwagenhersteller knapp 20 Prozent der Anteile des viel größeren Wolfsburger Konkurrenten erwarb. "Porsche will sich seinen Einfluss bei Volkswagen sichern, falls das VW-Gesetz eines Tages fallen sollte", sagt Arndt Ellinghorst, Automobilanalyst beim Investmenthaus Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Ellinghorst glaubt, dass es im Autobereich auch künftig weitere Übernahmen und Kapitalbeteiligungen geben wird. "Vor allem bei den Zulieferern ist noch Luft", sagt er, "Private-Equity-Gesellschaften suchen nach Anlagemöglichkeiten."

Droege-Partner Rigall ist fest davon überzeugt, dass es nicht nur in der Autobranche bald wieder neue Übernahmen geben wird. "Die Welle geht auf einem ähnlich hohen Niveau weiter", sagt der Unternehmensberater.

Und wenn er Recht behält, ist damit auch eine ganze Menge Aufregung in Börsen- und Finanzkreisen verbunden. Rigall: "Wir werden auch den einen oder anderen Mega-Deal in Zukunft sehen." Vieles spricht dafür.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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