Urlaubslektüre
Schmökern im Schatten

Ob Thriller, Liebesgeschichte oder Landeskunde: die ferien- und koffertauglichen Literaturempfehlungen des Weekend Journals für diesen Sommer

Meer in Sicht, „Ich wünschte von Herzen, das Meer solle nie enden“, schreibt der amerikanische Autor D. H. Lawrence in seiner Erzählung von einer Dampferreise übers Mittelmeer. Die Sehnsucht und die Liebe zum Meer prägt alle Geschichten dieser schönen Anthologie. Bekannte Autoren wie Herman Hesse, August Strindberg, Egon Erwin Kisch und Marie-Luise Kaschnitz erzählen von der Liebe in Hafenstädten, von Badeunfällen, Piraten und Meerjungfrauen. Der Leser begegnet der wunderbar keuschen Frau Isotta Barbarino in der Erzählung „Abenteuer einer Badenden“ von Italo Calvino und kann über Kurt Tucholskys freche Eindrücke von der Riviera lachen, der in Grandhotels auf „vielhundertjährige Engländerinnen“ trifft. Die kurzen Geschichten kommen so leicht daher wie eine frische Sommerbrise. Das schmale Bändchen passt in jedes Reisegepäck und eignet sich wunderbar zum Vorlesen – jeden Tag eine neue poetische Geschichte, bis der Urlaub vorbei ist.

Günter Stolzenberger (Hg.): „Meer in Sicht“. Geschichten von Wellen, Wind und weiten Stränden. Insel Verlag, Frankfurt 2003, 239 S., 8,50 Euro

Die USA mal anders , Mit einer Hand voll Dollars macht sich der ostdeutsche Autor Bernd Wagner auf die Reise. Zwei Monate lang zieht er kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten bis hinunter nach Mexiko. Mit dem Greyhound-Bus, der Bahn und zu Fuß. Der Leser teilt sein Erstaunen, Erschrecken und die Freude über den unbekannten Kontinent, den der Schriftsteller mit so viel Verve erkundet, und entdeckt dabei das Land noch einmal mit Wagners Augen neu. Er ist Flaneur, der sich treiben lässt, genau hinschaut und vieles hinterfragt. Wagner beobachtet schmerzhafte indianische Riten und wundert sich über einen argentinischen Amerikahasser. Seine Erkundungen weitab von Touristenrouten sind amüsant und hintergründig, auch wenn manche Beschreibungen stereotyp wirken. Die schönsten Passagen des Buches spielen in Mexiko, wo Wagner die Schuhputzerstadt Chihuahua besucht. Da hat dann auch der Leser nur noch den Wunsch, sich in der Stadt mit dem exotischen Namen das Schuhwerk wienern zu lassen.

Bernd Wagner: Wie ich nach Chihuahua kam. Eine amerikanische Reise. Steidl Verlag, Göttingen 2003, 341 S., 19,50 Euro

Vater gesucht , „Väter sind überflüssig“, behauptet Leonie. Das hält ihren Mann Robert aber nicht davon ab, sich auf die Suche nach seinem Erzeuger zu machen. Eine vertrackte Geschichte, denn sein aus Trinidad stammender Vater Ray ist getürmt, als Robert ein kleines Kind war. Nun ist Robert selber Vater und will wissen, wo seine Wurzeln sind. Der Schweizer Martin R. Dean ist ein Autor, der seine Figuren ständig auf Irrwege führt. Auf diese folgt man ihm als Leser jedoch gerne. Robert spürt seinen Vater in London auf. Doch statt des exotischen Einwanderers trifft er auf einen alten, behinderten Mann, der seine Sprache verloren hat. Dennoch nimmt er den Alten mit auf eine Reise in die Schweiz und nach Trinidad. „Väter“ ist ein sehr nachdenklicher Roman über Identität, Herkunft und Familie. Dabei ironisch und witzig geschrieben. In den letzten Kapiteln wird es richtig spannend. Robert wird schwer krank und erfährt, dass Vatermord nicht nur ein Phänomen der Antike ist. Der Autor hat vieles selber erlebt, denn auch er entdeckte seinen karibisch-indischen Vater nach langer Suche in einem Londoner Altenheim.

Martin R. Dean: Väter. Carl Hanser Verlag, Roman. München 2003, 400 S., 24,90 Euro

Mississippi-Marotten, Ruhig und beschaulich leben die skurrilen Bewohner der kleinen Stadt Eagle Lake am Mississippi in den Tag hinein. Jeder pflegt in Barry Hannahs Kultbuch seine kleinen harmlosen Marotten. Die einen gehen angeln, die anderen träumen von besseren Zeiten. Die alte Rentnerin Miss Melanie liebt den jungen Sheriff Facetto, Max Raymond schaut seiner knackigen Frau Mimi beim Singen zu. Eine prachtvolle Idylle, wenn da nicht der fiese Bösewicht Man Mortimer wäre. Ein Zuhälter, der durchdreht und zur Gefahr für die ganze Gemeinde wird. Wenn er mit seinen Messern hantiert, ist er nicht zu stoppen. Doch langsam formiert sich Widerstand. Barry Hannahs fulminanter Roman ist ein ziemlich anspruchsvolles Erzählpuzzle voller absurder Momente. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einem komischen und deftigen Südstaatenepos belohnt. Männlich-deftiges Selbstbewusstsein und Imponiergehabe werden ganz schön durch den Kakao gezogen. Hannahs Geschichten galten bislang als unübersetzbar. „Gegenüber dem Himmel“ ist sein erstes Buch auf Deutsch, von Teja Schwaner glänzend übersetzt.

Barry Hannah: Gegenüber dem Himmel. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2003, 348 S., 22 Euro

Sex zum Frühstück, Pablo Miralles verbringt seine Zeit am liebsten mit Koksen, Sex und Alkohol. Doch als sein arroganter Bruder Sebastián plötzlich verschwindet, muss er beweisen, dass mehr in ihm steckt als eine Witzfigur. Pablo Tussets Geschichte über einen faulen Nichtsnutz aus der Oberschicht ist ein höchst witziger und spannender Roman, der einem manchmal ein bisschen spanisch vorkommt. Denn zwischen einem harten Croissant zum Frühstück und dem Aufstieg Pablos zum intellektuellen Oberhaupt einer Geheimorganisation liegen 384 Seiten voller vergnüglicher und manchmal etwas wirrer Ereignisse. Das liegt daran, dass Tusset vom Krimi bis zum Schelmenroman viele Genres bedient. Die Namensgleichheit der Hauptfigur mit dem Autor ist wohl kein Zufall, den auch der hat vom Möbelpacker bis zum Computerspezialisten schon viele Jobs ausprobiert. Manchmal nervt Tussets um jeden Preis ironisches Geschreibsel, aber meist muss man laut lachen über die aberwitzigen Ereignisse. Und das ist keine schlechte Voraussetzung für ein Sommerbuch, das in Spanien ein Top-Seller wurde.

Pablo Tusset: Das Beste, was einem Croissant passieren kann. Roman. Frankfurter Verlag Anstalt 2003, 384 S., 19,90 Euro

Blut-Bande, Aus Schweden ist man ja seit Henning Mankell und Lisa Marklund an literarische Krimikostbarkeiten gewöhnt. Doch Arne Dahl – der Name ist ein Pseudonym – ist sicher ein Anwärter auf den besten schwedischen Krimi des Jahres. Sein Roman über einen amerikanischen Serienmörder, der erst in den USA, dann in Schweden seine Opfer auf brutalste Weise in Vietnam-Manier tötet, ist ein grandioser Thriller. Alles beginnt, als der mysteriöse Mörder einen schwedischen Literaturkritiker in New York umbringt. CIA und FBI sind in den Fall involviert, und die Spur führt bis in den Irak. „Böses Blut“ ist beängstigend aktuell. Dazu bringt Dahl noch Ironie und Witz ins Spiel. Fazit: Mit seinen Helden, den Kommissaren Kerstin Holm und Paul Hjelm, verbringt man gerne seine Zeit. Wer das Buch in den Sommerurlaub mitnimmt, sollte sich einen Nachmittag oder eine Nacht völlig zurückziehen und den Atem anhalten. Einen sicheren Ort braucht man schon – am besten ohne knarrende Türen und abseits von kühlen Kellern.

Arne Dahl: Böses Blut. Kriminal- roman. Piper Verlag, Original- ausgabe, 368 S., 14 Euro

Mitten im Sumpf, Eine amerikanische Stadt in den dreißiger Jahren. Drogen- und Waffenhandel, das Gespenst des Kommunismus und eine Oberschicht, die tief in die Machenschaften der Unterwelt verstrickt ist, bestimmen das gesellschaftliche Leben. Als Victor Ribe nach 15 Jahren Haft entlassen wird – für einen Mord, den er nie begangen hat –, versteht er die Welt nicht mehr. Der amerikanische Autor David Grand, der nach dem Erfolgsroman „Louse“ mit Don DeLillo verglichen wird, hat einen tief gehenden Gesellschaftsroman mit vielen Facetten des Noir-Krimis geschrieben. Denn Ribe wird, ohne es zu wollen, in einen Kokon aus Korruption und Verschwörung verwickelt. Alle sind beteiligt und kämpfen um die Macht: Gangster, Polizei, Staatsmacht und sogar die Drogenbehörde. Einen Lichtblick gibt es: die junge Reporterin Faith Rapaport, die versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen, um dadurch den Selbstmord ihres Vaters aufzuklären. Geschickt führt Grand die Leser in das grandiose Verwirrspiel und entwirrt die Fäden nur langsam.

David Grand: Körper- fluchten. Roman. Tropen Verlag, 448 S., 21,80 Euro.

Liebe auf dem Land , „Emmas Glück“ ist einer der schönsten Liebesromane des Jahres. Obwohl eigentlich Inhalt und Handlung gegen einen solchen Erfolg sprechen. Denn der Roman von Claudia Schreiber spielt auf dem Land und handelt von einer waschechten Bäuerin. Hauptfigur Emma ist eine richtige Landpomeranze. Einsam und hoch verschuldet hält sie sich mit einem Bauernhof über Wasser. Selbst die Hühner und Schweine der jungen Bäuerin sind glücklicher als sie. Kein Geld, kein Mann. Was für ein Leben. Doch plötzlich fällt ihr Max buchstäblich vor die Füße. Sein verbeulter Ferrari landet bei einem Unfall mitten im Hof. Emma versorgt den Bewusstlosen und findet eine Plastiktüte voller Dollars. Leider ist Max todkrank. Geld und Flitzer hatte er gestohlen, um seine letzten Tage in Mexiko zu verbringen. Claudia Schreiber erzählt mitreißend – trotz Misthaufen und Schlachtereiszenen. „Emmas Glück“ ist eine Liebesgeschichte für alle, die das Landleben lieben, und keineswegs nur für den Urlaub auf dem Bauernhof geeignet.

Claudia Schreiber: Emmas Glück. Roman. Rowohlt Verlag, 189 S., 14,90 Euro

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